SCHUL.THEATER

Fokus

Aus der Rolle fallen

Micha­el Müller

Inhalt 

Fal­len ist etwas Schö­nes, sich fal­len­las­sen, sich auf­fan­gen las­sen. Sich gefal­len las­sen. Fal­len ist ein Abgrund, unbe­re­chen­bar, schwin­deln­de Tie­fen, her­aus­fal­len, aber auch fal­len gelas­sen wer­den. Was aber geschieht, wenn wir aus der Rol­le fal­len? Hat dies im Thea­ter eine rele­van­te Bedeu­tung, ist es gar zwin­gend not­wen­dig?
Im Schul­thea­ter ist die Rol­le ist gar nicht mehr so von der Rol­le wie noch vor weni­gen Jah­ren. Die­sen Beweis woll­te wohl das Schul­thea­ter der Län­der 2023 mit dem Mot­to „ROLLE“ in Trier antreten.

Wenn ein*e Theaterschaffende*r im Lehrer*innenzimmer vor noch weni­gen Jah­ren berich­te­te, sie wür­den sich an einen „Klas­si­ker“ her­an­wa­gen, stieg der stau­bi­ge Muff der 1950er und 1960er aus den Kel­lern der Schu­len in die betre­te­nen Gesich­ter der Kolleg*innen. Gab es denn für so ein frag­wür­di­ges Unter­fan­gen über­haupt einen trif­ti­gen Grund, Ansät­ze, Arbeits- und Aus­bil­dungs­grund­la­gen? Da denkt sich so man­cher Per­for­man­ce­ra­di­ka­ler, die­se The­men sind doch nicht aus der Welt der Jugend­li­chen und wenn doch, so gehö­ren sie (hof­fent­lich an ande­rer Stel­le) metho­disch zeit­ge­mäß aufgearbeitet.

Denn die Rol­le trennt nicht nur die Geis­ter, sie trennt in den Schul­auf­füh­run­gen sogar heu­te noch oft klar zwi­schen Spie­len­den und dem Cha­rak­ter, den die­se zu ver­kör­pern haben. Dort liegt die viel­zi­tier­te Kluft zwi­schen Schüler*innenwesen und Rol­len­we­sen bzw. der Figur auf der Büh­ne. Metho­disch stellt sich in somit immer wie­der die Fra­ge nach den Mög­lich­kei­ten und Mecha­nis­men der Aneig­nung einer Rolle.

ROLLENTAUSCH/ ROLLENSPIEL

„Wenn man eine Rol­le spielt, sich in die eige­nen Eltern, einen Poli­zis­ten, einen Flücht­ling hin­ein­ver­setzt, ver­ste­he ich deren Hal­tun­gen bes­ser, ich kann mich eben dann auch in ande­re Men­schen bes­ser hin­ein­ver­set­zen.“1Lei­ter des Schul­thea­ter-Stu­di­os Joa­chim Reiss spricht im Inter­view mit der FR über Rol­len­spie­le und war­um Thea­ter ein Schul­fach wer­den muss. „In den ande­ren hin­ein­ver­set­zen“ Frank­fur­ter Rund­schau 09.01.2019

Was der hier zitier­te Lei­ter eines Schul­thea­ter­stu­di­os aus Frank­furt uns hier anno 2019 so ganz unver­blümt unter­brei­tet, wirkt wie ein Über­bleib­sel längst ver­gan­ge­ner Tage des Thea­ter­spiels, die wir aller­dings auch noch immer in der Schul­rea­li­tät vor­fin­den. Herr Reiss behaup­tet, dass eine Rol­le durch das eige­ne Han­deln in einer Qua­si-Rea­li­tät inner­lich ver­ar­bei­tet wird und Empa­thie erzeugt. Die auf der Büh­ne kon­stru­ier­te Situa­ti­on, neh­men wir ein­mal das Bei­spiel einer Ver­haf­tung eines Asyl­be­wer­bers, Gewalt in der Ehe oder Kin­der­ar­mut, lässt sich als eine „So tun als-ob“-Situationen kon­stru­ie­ren. Gar durch das Nach­spie­len der Kon­flik­te mit einer Rol­len­zu­wei­sung wür­de die Erfah­rung zu „Erkennt­nis­sen“ füh­ren. Das Nach­spie­len der Figur trans­for­miert somit in sei­ner Absicht fest­ge­fah­re­ne Mus­ter und öff­net den Raum für neue Verhaltensformen.

Die­ser Gedan­ken­an­satz ist auch in The­ra­pie-Ver­fah­ren immer wie­der anzu­tref­fen: „Füh­len Sie sich in Ihr Gegen­über eine, stel­len Sie sich vor die Per­son zu sein, die Sie …!“ Las­sen Sie doch ger­ne ein­mal einen Haft­in­sas­sen einen Poli­zis­ten spie­len, um sich bes­ser in sei­ne eige­ne Ver­haf­tung ein­zu­füh­len. Wir erfül­len in die­sem Fall die Rol­len­ty­pi­sie­run­gen und sind nahe an unse­rem eige­nen vor­ge­fer­tig­ten Kli­schee und Erfah­rungs­spiel­raum. Ein Tausch der Rol­len bzw. der Posi­tio­nen kann zwar in ein Rol­len­spiel über­ge­hen, lenkt aber den Blick ab von der not­we­ni­gen Aus­ein­an­der­set­zung mit ihr. Wir wer­den den Poli­zis­ten in uns auf die­se Wei­se sicher nicht fin­den, son­dern aus unse­ren reich­lich vor­han­de­nen Kri­mi­nal­se­ri­en­seh­ge­wohn­hei­ten das Pas­sen­de repro­du­zie­ren.
Nun wen­den eini­ge ein: „Mit der uns eige­nen Fan­ta­sie schlüp­fen wir in jeden Cha­rak­ter, der Mensch ist gera­de­zu dafür gebo­ren stän­dig Rol­len durch­zu­spie­len!“ Dies führt uns direkt zu den klas­si­schen Tex­ten des Lite­ra­tur-Kanons, der zur­zeit eine erstaun­li­che Renais­sance im Schul­thea­ter erlebt. Gro­ße Figu­ren der Zeit­ge­schich­te fül­len mit der Dar­bie­tung ihres tra­gi­schen Schick­saals erneut wie­der die Schul­au­len. Da kön­nen Darsteller*innen durch­aus die Abgrün­de einer Figur wie Juli­us Cäsar, Anti­go­ne oder Maria Stuart zuge­mu­tet wer­den. Oder wenn es schon kein Poli­zist sein soll, dann eben gleich der Rich­ter in „Der zer­broch­ne Krug“ von Hein­rich von Kleist.

ROLLENERMÄCHTIGUNG/ ROLLENSELBSTDARSTELLUNG

„Na ja, ob ich wirk­lich ich bin, ob ich bei mir bin, ob ich die Din­ge mache, die ich machen will, oder die Din­ge, die ande­re machen, und ich gar nicht wirk­lich ich bin.“2Bonn Park, Alles ist aus, aber wir haben ja uns (Unter­was­ser), Münch­ner Volks­thea­ter 2023

Ver­fol­gen wir die Spur wei­ter und legen als Vor­aus­set­zung in den Pro­ben fest, dass jede*r tat­säch­lich eine Figur spielt und die Fra­ge nach deren his­to­ri­scher oder leib­li­cher Iden­ti­tät sei nicht von Bedeu­tung. Die Spieler*in kom­mu­ni­ziert los­ge­löst in einem Sys­tem, in dem jetzt fol­gen­de Ver­ab­re­dung gilt: Nur das, was ich in die­sem Moment zei­ge, bin ich auch jetzt, also ganz ähn­lich wie Selbst­dar­stel­lungs-Apps und art­ver­wand­tes funk­tio­nie­ren, löst sich die Figur in einer Be-Real Situa­ti­on gänz­lich von sei­ner his­to­ri­schen Behaup­tung ab.

Die Spieler*in wäre in die­sem Moment Juli­us Cäsar per Ermäch­ti­gung durch den Text und sei­ne Aus­sa­ge. Sie fügt nichts hin­zu, sie kom­men­tiert nicht. Sie ist ein­fach sie selbst als Figur Cäsar kör­per­lich unver­stellt anwe­send. Die vom Thea­ter oft als Vor­aus­set­zung ver­lang­te Rei­bung von Rol­len­iden­ti­tät und der Per­son des Schau­spie­lers wür­de somit ent­fal­len. Wenn ich der Idee ein­mal wei­ter fol­ge, dann unter­läuft die Auf­füh­rung der Pflicht oder dem Anspruch, dass eine Spieler*in ein Stück mit intrin­sisch geführ­ter Moti­va­ti­on auf­führt. Es wird ledig­lich situa­tiv auf­zeigt, was der Text aus­sagt. Blei­ben wir wei­ter­hin beim Bei­spiel Juli­us Cäsar: Das Auf­ein­an­der­pral­len von Frei­heits­be­stre­bung und tyran­ni­scher Herr­schafts­form, die Moti­va­ti­on des Atten­tats kön­nen allen­falls vor­ge­tra­gen, ins Bild gesetzt wer­den, ein per­sön­li­cher Kom­men­tar ent­fällt. Die Figur bleibt ein­di­men­sio­nal wie die Ober­flä­che eines Mobil-Pho­nes. Alles Wei­te­re wird dem Zuschau­er über­las­sen.
Mar­ti­na Lee­ker geht in ihrer „kri­ti­schen Medi­en­re­fle­xi­on im Post­di­gi­ta­len Schul­thea­ter“ sogar noch einen Schritt wei­ter. Laut ihrer Theo­rie hät­ten die neu­en Medi­en nun eine „Neu­or­ga­ni­sa­ti­on […] in unse­rer Psy­che und in unse­rer (Anmerk: aller?) Kör­per­lich­keit her­vor­ge­bracht“, die eine bestimm­te Art des Thea­ters nicht mehr bedie­nen kön­ne. Statt einer kla­ren Tren­nung zwi­schen Spiel­rol­le und Wirk­lich­keit sowie zwi­schen Han­deln (durch Schau­spie­len­de) und Den­ken (durch Zuschau­en­de) als Cha­rak­te­ris­ti­ka des anti­ken Thea­ters, zie­le das Thea­ter im Zeit­al­ter elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on auf eine Durch­läs­sig­keit der „Grenz­zie­hung zwi­schen Spiel­wirk­lich­keit und Wirk­lich­keit“ und eine „Reinte­gra­ti­on von Den­ken und Han­deln“. Einen gro­ßen Stel­len­wert nimmt in die­sem Zusam­men­hang auch die Impro­vi­sa­ti­on ein, bei der für Lee­ker die Inter­ak­ti­on anfängt: „Ich weiß nicht, was gesche­hen wird, ich muss mich völ­lig auf den Moment ein­las­sen…“ Inter­ak­ti­on wird in die­sem Sin­ne als zen­tra­les Kon­zept des Thea­ters im Zeit­al­ter elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on iden­ti­fi­ziert, die ori­gi­na­le Rol­len­ab­sicht tritt auch in die­sem Fall in den Hin­ter­grund zuguns­ten einer spon­ta­nen Figur.

Eine sol­che Form der Dar­stel­lung erfor­dert selbst bei pro­fes­sio­nel­len Schauspieler*innen ein hohes Maß an Vir­tuo­si­tät und Selbst­re­fle­xi­on. Die „Spon­ta­ni­tät“ muss vor allem durch das Wis­sen über den Kon­text gelenkt wer­den. Es bleibt dabei offen, ob eine sol­che Metho­de, die den klas­si­schen Text allen­falls als Denk­vor­la­ge nimmt, bei Schüler*innen nicht zu einer Nabel­schau oder Selbst­be­schäf­ti­gung und Selbst­dar­stel­lung gerät. Wie auf dem SDL-Fes­ti­val 2023 erlebt kann ein Juli­us Cae­sar pro­blem­los in eine Influen­cer-Show über­führt wer­den, die sich fragt, was denn „so nice“ an der Tyran­nei ist. Die Rol­le muss beson­ders in die­ser Stück­an­la­ge mit einer his­to­ri­schen Tex­tur ver­se­hen wer­den. Sie macht es unab­ding­bar sich inten­siv mit den Zusam­men­hän­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Die Ver­wei­se auf eine Art „tota­li­tä­re Eksta­se“ wie sie in die­sem (von zukünf­ti­gen Lese*innen des Arti­kels Leser*innen jetzt nicht gese­he­nen) Inter­pre­tie­rungs­ver­such auf der Büh­ne ange­legt wur­den soll­ten eine inten­si­ve War­nung an alle sein, klas­si­sche Stü­cke nicht zu Kar­ne­vals­ver­an­stal­tun­gen ver­kom­men zu las­sen. Dif­fe­ren­zie­rung ist gefragt, Ver­wei­se auf etwas, das exem­pla­risch auf­zeigt, für uns zukunfts­prä­gend wäre. Hier sehe ich nach wie vor, bei aller lobens­wer­ter Mit­be­stim­mung durch die Spieler*innen, eine ent­schei­den­de Auf­ga­be der Spiel­lei­tung. Mit wel­chem Wis­sens­vor­sprung, mit wel­cher Art von Vor­be­rei­tung tre­te ich vor die Grup­pe? Wis­sen meint hier nicht gleich Macht, son­dern Wei­ter­ga­be, Anstoß, Ver­ant­wor­tung. Ich dis­ku­tie­re mit der Grup­pe unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen sie das The­ma und die Figu­ren grei­fen kön­nen und wol­len. Mit wel­chem Anlie­gen tre­ten wir auf die Büh­ne, wie erzie­le ich Eman­zi­pa­ti­on und Hal­tung zum his­to­ri­schen Kon­text? Wir müs­sen zunächst davon aus­ge­hen, dass his­to­ri­sche Stü­cken bei Spieler*innen auf Defi­zi­te tref­fen. Im Ver­lauf der Arbeit kann sich dies völ­lig ver­än­dern, weil die­se selbst in den Kon­text ein­stei­gen, ihre Lebens­rea­li­tä­ten anwen­den und Bezü­ge her­stel­len ohne (hof­fent­lich) aber den his­to­ri­schen Sach­ver­halt stumpf zu dupli­zie­ren. Spieler*in und Leiter*n zei­gen: Ich bin an dei­nem Wis­sen und dei­ner Ein­schät­zung inter­es­siert. Wir soll­ten mit Defi­zi­ten umge­hen ler­nen, zugleich auch beto­nen: Wie toll, dass wir dies alles mit­ein­an­der ernst­haft for­schen. Denn der Text und sei­ne Mes­sa­ge sind unter einem bestimm­ten Ideen­ni­veau nicht mehr ver­han­del­bar, schon gar nicht in einem Insta­gram-For­mat, das auf die maxi­ma­le Zustim­mung der Zuschauer*innen abzielt. „More likes“ heißt eben nicht per se, dass wir alles rich­tig­ma­chen. Denn noch sind wir nicht bei all­ge­mein zustim­mungs­pflich­ti­gen (Schul-)Aufführungen angelangt.

Ein klei­ner Trost: Auch pro­fes­sio­nel­le Insze­nie­run­gen wie die von Bonn Park sind nicht davor gefeit ziem­lich schnell in das Fahr­was­ser halt­lo­ser poli­ti­scher Kom­men­ta­re zu geraten.

„Hier Cae­sar: Ich mach alles kaputt, ist mir egal, und ich bleib auch lang im Amt … Dan­ke nach Rom … Hier noch O‑Töne von Din­gen, die bren­nen und explo­die­ren und ster­ben.“
Der gro­ße Gedan­ken­bo­gen führt uns also vom Rol­len­tausch über Rol­len­an­eig­nung, der Ableh­nung der Rol­le bis zur Aneig­nung im Augen­blick. Doch wir sind noch nicht ganz am Ende des Rollenspektrums.

ROLLENDURCHDRINGUNG / ROLLENBRUCH

Was die Tren­nung von Han­deln und Den­ken angeht, kann der Ein­wand erho­ben wer­den, dass eine „wesent­li­che Mit­ge­stal­tung“ der Teil­neh­men­den einer Thea­ter­pro­duk­ti­on das Werk in eine „gemein­sa­me Urhe­ber­schaft“ brin­gen, also einen neu­en Kon­text er-den­ken und aus-han­deln, Vor­aus­set­zung für jeden thea­tra­len Arbeits­pro­zess ist. Die Aneig­nung der Rol­le und ihre Wir­kung sol­len grund­sätz­lich in einem so weit­rei­chen­den Maße dis­ku­tiert und hin­ter­fragt wer­den, dass wir ihre (fik­tio­na­le) Welt gänz­lich durch­drin­gen. Nur so kann sie eine Grund­la­ge für eine Figur und prak­ti­sches Han­deln auf der Büh­ne bil­den. Das Thea­ter muss sich der Auf­ga­be stel­len, klas­si­sche Stü­cke auf die heu­ti­ge Zeit zu über­tra­gen, sie trans­pa­rent machen für die aktu­el­len Belan­ge unse­rer Gesell­schaft und Wirk­lich­kei­ten dif­fe­ren­zie­ren. Das (Schul-)Theater soll­te es ermög­li­chen, auch Stü­cke aus dem klas­si­schen Kanon in einem neu­en den Schüler*innen nahen Zusam­men­hang abzu­bil­den. Aber wie tönt zum Bei­spiel Shake­speares Sonett 129 aus des Schü­lers Mund:

Ver­braucht vom geist in schänd­li­chem ver­zehr
ist lust in tat / und bis zur tat / ist lust
Mein­ei­dig / tie­risch / grau­sam / roh / des lugs bewusst.

Es ist ein schma­ler Grat zwi­schen zeit­ge­schicht­li­chem Hin­ter­grund (sie­he bei Cäsar die Wut der Ple­be­jer / Spal­tung bis zum Bür­ger­krieg) und aktu­el­len gesell­schaft­li­chen (sie­he bei Trump / Sturm auf das Kapi­tol / Spal­tung bis zum Bür­ger­krieg) sowie per­sön­li­chen Gescheh­nis­sen bzw. inner­li­chem Enga­ge­ment, auf dem wir uns bewegen.

„In wie ent­fern­ter Zeit wird man dies hohe Schau­spiel wie­der­ho­len, in neu­en Zun­gen, unge­bor­nen Staa­ten.“3(4‑Cassius in Cae­sar von Wil­liam Shake­speare, Rowohlt Thea­ter­ver­lag, Hamburg)


Womit wir mit die­sem vor­treff­li­chen Zitat ein wei­te­res Dau­er­the­ma zum Rol­len brin­gen: Die Aktua­li­sie­rung und Dekon­struk­ti­on von klas­si­schen Vor­la­gen. Die Kunst einen gewich­ti­gen Klas­si­ker des Thea­ters kräf­tig zu ent­schla­cken, den Ori­gi­nal­text zu zer­le­gen und auf ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Mini­mum her­un­ter­zu­bre­chen. „Schon das so genann­te Pop-Thea­ter der Neun­zi­ger nahm alles leicht, was an den Dra­men unzu­gäng­lich erschien, klei­de­te Shake­speare, Tschechow und Schil­ler in Show­kos­tü­me vor Video­col­la­gen oder schlug mit dem Vor­schlag­ham­mer eine Goe­the-Büs­te in Stü­cke. Dahin­ter steck­te eine Por­ti­on Rebel­li­on gegen die Regie­über­vä­ter jener Epo­che und ihr Pathos, eine Sozia­li­sa­ti­on durch Pop-Punk, sowie der drän­gen­de Wunsch, end­lich mal von sich selbst zu erzäh­len. Auch wenn es da oft außer nächt­li­cher Eupho­rie, Medi­en­kon­sum und ers­ten Lie­bes­schmer­zen noch gar nicht so viel Dra­ma und Erfah­rung gege­ben hat­te, wor­über sich das Erzäh­len für ande­re lohn­te.“4(„Die Räu­ber” in Ham­burg, Kri­tik Süd­deut­sche Zei­tung, 1. Okto­ber 2021)

Beim SDL Fes­ti­val 2023 wur­den bei eini­gen Bei­trä­gen Ver­su­che unter­nom­men, die bekann­ten Stof­fe des Thea­ter­ka­nons von vielen/allen Kau­sa­li­tä­ten des Ori­gi­nal­tex­tes zu befrei­en. Die Spie­le­rin­nen per­form­ten mit adap­tier­ten wie eige­nen Tex­ten und Impro­vi­sa­tio­nen, mit gera­de­zu kaba­ret­tis­ti­schem Ader­lass von Ernst und Sinn und zum Teil wage­mu­ti­gen Stück­ana­ly­sen. Der Ein­druck ent­stand, dass die klas­si­schen Stück­vor­la­gen offen­bar ganz im Geis­te aktu­el­ler pro­fes­sio­nel­ler Thea­ter­strö­mun­gen (1990er Revi­val) als Inspi­ra­ti­on zur frei­en Asso­zia­tio­nen dien­ten, ihre Moti­ve und Zita­te bezie­hungs­wei­se Ver­wei­ge­run­gen und Kom­men­ta­re einen ganz und gar eigen­stän­di­gen Thea­ter­ein­druck erzeu­gen soll­ten. Nicht die Geschich­te des Stof­fes an sich, son­dern Akte des Gesche­hens die­ser Stof­fe wur­den prä­sen­tiert. Das geriet manch­mal ein wenig zu refres­hed, zu ange­strengt jung und von der Lei­tung all­zu dra­ma­tur­gisch kal­ku­liert. Eini­ge Auf­füh­run­gen befan­den sich größ­ten­teils oder ganz und gar in einer Kom­men­tar­funk­ti­on und wur­den umge­dich­tet, Gre­ta Thun­berg mal flugs auf eine Pro­test­pap­pe redu­ziert. Außer­dem konn­te man bei den Tex­ten, die eine lan­ge Tra­di­ti­on und Auf­füh­rungs­ge­schich­te haben, nicht davon aus­ge­hen, dass das unein­ge­weih­te Publi­kum den Inhalt die­ser Stü­cke meist schon kann­te oder dass es damit bereits Erfah­run­gen gemacht hat­te.
In den beson­ders gut gelun­ge­nen Momen­ten, wo wir auf eine strin­gen­te Hal­tung zum Ori­gi­nal­text tra­fen, kam es zu einer Art Bestands­auf­nah­me mensch­li­cher Inter­ak­ti­on, Gefüh­le und Situa­tio­nen, die das Gesche­hen vor­an­trie­ben und (Schul­thea­ter-) Hori­zon­te öff­ne­ten. Gera­de die Ernst­haf­tig­keit auf der Büh­ne wuss­te dort zu überzeugen.


ROLLENVERSTÄRKUNG/ ROLLENREINSCHLÜPFEN

Somit befin­den wir uns beim letz­ten „Roll­over“ und wen­den uns dem ewi­gen Rol­len­streit zu. Was gilt denn nun als das „Schö­ne, Wah­re, Ech­te“ bei der Figu­ren­ent­wick­lung für das Schul­thea­ter? Grund­sätz­lich wäre gegen eine Erar­bei­tung einer klas­si­schen Vor­la­ge längst nichts mehr ein­zu­wen­den. Dies ist ganz unab­hän­gig davon zu sehen, wie und ob die Grup­pe sich vom Ori­gi­nal ledig­lich inspi­rie­ren lässt, eine kon­trol­lier­te Spren­gung einer viel zu engen Schub­la­de vor­nimmt oder sze­nisch gekürzt hat, gar den Ver­such unter­nimmt alles Anti­quier­te, Pom­pö­se und Kit­schi­ge samt Dra­ma und Hand­lungs­strang weg­zu­fe­gen. Zusätz­lich gibt es auch noch die unbe­ding­te Not­wen­dig­keit der text­frei­en Vor­gän­ge, die natür­lich genau­so stark und viel erzäh­len können.


Die­se Suche ist immer wie­der ris­kant, aber auch durch­aus lust­voll, denn sie beschreibt nicht immer gleich ein Ziel, hat den Mut, sich ins offe­ne Gelän­de zu bege­ben. Nie soll­te außer Acht gelas­sen wer­den, das her­vor­zu­brin­gen, was eine Spieler*in aus­macht, ihre Per­sön­lich­keit in der Figur durch­schim­mern zu las­sen und klar­zu­stel­len in wel­chem Sys­tem sie/er sich bewegt. Denn die Rol­le wird letzt­end­lich erst durch das Inter­pre­tie­ren ihrer Absicht erst zur Figur.

Ein wei­te­res Haupt­au­gen­merk soll­te bei unse­rem Tun als Leiter*in dar­auf lie­gen, wie die Spieler*innen in ein fan­ta­sie­vol­les Mit­ein­an­der kom­men, wie sie kri­tisch hin­ter­fra­gen und spie­le­risch ver­han­deln. – eigent­lich eine Bin­sen­weis­heit. Wie gelingt es uns die beson­de­ren Momen­te der Text­idee her­zu­stel­len, sie aus ihrer Tra­di­ti­on her­aus­zu­lö­sen und sie der jun­gen Gene­ra­ti­on in ihrer Absicht, Brü­chig­keit, Ernst­haf­tig­keit (und ggf. Selbst­iro­nie) plau­si­bel zu machen? Stel­len wir aus heu­ti­ger Sicht die rich­ti­gen Fra­gen an das Stück, wel­che zen­tra­len Moti­ve und wel­che Grund­idee ver­ber­gen sich in sei­ner Aus­sa­ge? Die­sen Fra­gen muss sich aber auch ein pro­fes­sio­nel­les Staats­thea­ter bit­te recht häu­fig stel­len. Und nicht alles und jedes lässt sich in die heu­ti­ge Zeit trans­fe­rie­ren, weil nun mal die gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren, Ereig­nis­se, Ideen und Zwän­ge der dama­li­gen Zeit his­to­ri­sche Figu­ren bestimmen.


Schlie­ßen möch­te ich mit den Wor­ten der Regis­seu­rin Leo­nie Böhm: „Ich wür­de mir auch wün­schen, dass das Publi­kum ein sinn­li­ches Erleb­nis hat, das zur Ein­sicht in die eige­nen Hand­lungs­mög­lich­kei­ten führt und ein Gefühl von Gemein­schaft erzeugt.“6 Hier gibt uns eine Regis­seu­rin mit schlich­ten Wor­ten die Kraft auch wei­ter­hin an die Poe­sie des Thea­ters zu glau­ben, ob wir nun aus der Rol­le fal­len oder nicht! Denn letzt­end­lich gilt doch: „Was wir ver­moch­ten, haben wir getan. Wir haben uns dar­ge­stellt.„5Die Jung­frau von Orleans, Insze­nie­rung Leo­nie Böhm, Maler­saal Schau­spiel­haus 2023)

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