Projektbericht Bayern – FeminisMuss
- Ingund Schwarz
Eigenproduktion
Albert-Einstein-Gymnasium München
Bayern
Profilkurs Theater und Film Q11/Q12
Mitwirkende: 13 Schülerinnen
Spielleitung: Ingund Schwarz
Rahmen
Schuljahr 2020-21
Der Theaterkurs setzte sich in der Oberstufe aus zwei Jahrgangsstufen zusammen; die Schülerinnen waren bereits theatererfahren, da sie größtenteils in der 5./6. Jgst. die Theaterklasse besucht hatten.
Das Stück entstand pandemiebedingt in analogen, hybriden sowie digitalen Unterrichtsstunden. Ab November 2022 fanden die Proben aufgrund der Homeschooling-Situation zunehmend digital über das Konferenztool Zoom statt, so konnten frühzeitig ästhetische und gestalterische Zugänge digital ausprobiert werden. Es war zu diesem Zeitpunkt bereits damit zu rechnen, dass wie im Vorjahr eine analoge Aufführung nicht garantiert werden konnte.
Das Stück wurde bei dem bayerischen digitalen Schultheaterfestival SPIEL-PLATZ_2.0 im Juni 2021 als Live-Performance aufgeführt sowie ein weiteres Mal für die Schulgemeinschaft des Albert-Einstein-Gymnasiums digital gezeigt.
Der zeitliche Rahmen:
- Wöchentliche Proben à 90 Minuten von September bis Juni (ab Ende April ohne Q12 wegen Abitur, die drei Abiturientinnen konnten dennoch bei den Aufführungen dabei sein);
- Intensivprobenwoche vor den Osterferien Ende März mit Einzelproben in Gruppen und Videoaufzeichnung in Zoom für Bewerbungsvideo SDL (Mo-Do jeweils am Abend 120 Minuten);
- Ein Probentag vor den Aufführungen mit Technik (Intro, Musik- und Filmeinspielungen, Umfrage/Zuschauer*innen);
- Vor dem SDL zwei Proben à 5 Stunden aufgrund veränderter und zweier neuer Szenen sowie einer erhöhten Zuschauerinteraktion und –partizipation.
Das Projekt im Überblick
Projektverlauf
Ausgehend von der gleich zu Beginn formulierten Aussage durch die Gruppe, in keinem Fall auf einen literarischen, dramatischen Text für eine Inszenierung zurückgreifen zu wollen, sondern ein politisch - gesellschaftlich relevantes Thema in den Fokus zu nehmen, wurde von Anfang an im analogen Präsenzunterricht körperlich und choreographisch zum Thema Protest gegen Ungerechtigkeiten gearbeitet. Über kurze individuell entwickelte Mini-Choreos und Standbilder wurden Formationen und rhythmisierte performative Zugänge ausprobiert, die zunächst die Protesthaltung und verschiedene Emotionen wie z.B. die der Wut in den Mittelpunkt stellten. Parallel dazu fand eine individuelle Auseinandersetzung über den Fragebogen „Rage“ statt (entwickelt vom Jungen Deutschen Theater Berlin).

Aufgabe: Füllt den Fragebogen aus und bringt ihn zur nächsten Theaterprobe mit.
Da es aufgrund der Corona-Pandemie keine Gewissheit für einen fortbestehenden Präsenzunterricht gab, wurden bereits zu Beginn des Schuljahres digitale Gestaltungsaufgaben für zu Hause gestellt, um den Schülerinnen Sicherheit im Umgang mit digitalen Tools und vor allem filmästhetische und bildgestaltnerische Herangehensweisen zu vermitteln. Die Ergebnisse wurden in einem Kurs in Mebis (Lernplattform) gesammelt, nach Abgabe gezeigt und es wurde von allen zu Inhalt und Bildgestaltung Feedback gegeben.
In der Phase von Oktober bis Dezember stand im Fokus, interessante Vertiefungsaspekte zum Thema Protest/Wut zu finden. Es kristallisierten sich in den Gesprächsrunden u. a. folgende Aspekte heraus:
- Gewalt
- Sexismus
- Ungewöhnliche „Protestmenschen“
- Was wäre ein Leben ohne Protest?
- Formen künstlerischen Protests
Über biographisches Schreiben mittels Themenvorgaben aus der Schreibwerkstatt von Maike Plath (Beltz 2014) setzten sich die Schülerinnen zunehmend mit sich selbst, ihren Haltungen zur Gesellschaft, ihrer Identität, ihren Geschlechterrollen auseinander. Die geschriebenen Texte wurden in den Theaterproben anonymisiert vorgelesen und interessante Aspekte daraus diskutiert. Es wurde klar, dass insbesondere digitale Medien Geschlechterrollen nicht nur abbilden, sondern auch manipulativ beeinflussen. Die Geschlechterthematik wurde für die Gruppe zunehmend interessant. Gruppenzugehörigkeiten in Genderrollen wurden über Wirkungsweisen von Kostüm und Outfit mittels theatraler und performativer Gestaltungsaufgaben ausprobiert und reflektiert.
Der Unterricht wurde ab Ende Oktober in hybriden Formaten durchgeführt, d. h. die Hälfte der Gruppe wurde digital zugeschaltet, konnte sich in Gesprächsrunden beteiligen, Feedback geben und zu Hause eigenständig Gestaltungs-, Schreib- oder mediale Aufgaben bearbeiten. Für die Gruppe zu Hause lag jeweils der Schwerpunkt im Unterricht darauf, digitale Performance-Ansätze (z. B. das Spiel in und mit der Kachel) und filmästhetische Zugänge (Spiel mit Kameraperspektiven) zu vermitteln und auszuprobieren.
Als wesentlich für einen gut funktionierenden Hybridunterricht konnte hier ausgemacht werden, dass innerhalb einer Doppelstunde nach einem gemeinsamen Aufwärmen gezielt zeitliche Freiräume (Gruppenarbeitsphase oder Einzelarbeit) gewährt werden müssen, damit die beiden Teilgruppen einerseits analog in der Schule, andererseits zu Hause in theatral gestalterisches Arbeiten kommen und nicht die ganze Zeit passiv vor dem Bildschirm sitzen. Zu den meist am Ende der Stunde stehenden analogen und digitalen Mini-Präsentationen von Arbeitsergebnissen der Teilgruppen konnte auch im hybriden Format gut Feedback gegeben werden.
Die Entscheidung für das Thema Feminismus fiel Mitte Dezember, andere Themen wie Protest gegen Gewalt, fehlende Zivilcourage oder Rechtsruck wurden durch die unmittelbare eigene Betroffenheit der jungen Frauen und die Brisanz des allgegenwärtigen Themas zur Stellung der Frau in der Gesellschaft zurückgestellt.
Als dramaturgische Kernfrage wurde entwickelt, wie wir als Frauen in der Gesellschaft mit vorgeschriebenen Mustern und Rollen umgehen und uns daraus befreien können. Dabei entstanden schon früh Zielformulierungen. Es sollten feministische Vorbilder herangezogen, es sollte keinesfalls moralisiert werden und die Zuschauer sollten soweit wie möglich durch Leerstellen in Text und Bild sowie durch Befragung und Partizipation zur Reflexion mit dem Thema aufgefordert werden.
Ab Mitte Dezember fand der Unterricht aufgrund des Lockdowns und der Rahmenbedingungen an der Schule bis Anfang Mai nur noch in digitaler Form über Zoom statt. Auch die spielpraktische Prüfung wurde digital durchgeführt. Die in der Prüfung entwickelten Szenen konnten später als Ideen- und Materialpool gewinnbringend in die Inszenierung eingebracht werden. Die ersten beiden Stunden, die digital durchgeführt wurden, hatten den Schwerpunkt, die Zoomästhetik zu erforschen und den Einsatz der Kamera in vielfältiger Weise in Bezug auf Wirkung und Spiel zu testen.
Material zum digitalen Unterricht: https://lagds-bayern.de/warming-up-online-satt/
In der folgenden Recherchephase stellte sich die digitale Pinnwand (Padlet) durch die kollaborativen Möglichkeiten als besonders gewinnbringend heraus. Unterthemen, Recherche zu interessanten Menschen zum Thema sowie ästhetische Zugänge wurden gesammelt und zusammengetragen, um dann Neigungsgruppen bilden zu können, die sich mit je einem Schwerpunktthema für die Szenenentwickung befassten.
Recherche Padlet: https://padlet.com/i_schwarz/FeminisMUSS
Als für die Gruppe interessante Unterthemen für die szenische Bearbeitung wurden aufgegriffen:
- Frauen und Alltag,
- bekannte Feministinnen (Malala Yousafzai, Emma Watson, Hengameh Yagohoobifarah),
- Rollen in der Werbung,
- Femizide,
- sexuelle Gewalt,
- Anti-Sexismus,
- Definitionen und Statements zu Feminismus.
Für die Szenenentwicklung in den Kleingruppen galt es nun, digital-ästhetische Formen zu finden, die die Inhalte gut transportieren und das Ensemble-Spiel auch über die Kachel hinweg glaubwürdig und authentisch machen. Entscheidungen in Bezug auf den (virtuellen) Raum, die Einstellungsgrößen der Kamera und die Bildsprache mussten getroffen werden. So wurden beispielsweise für Szenen, die in besonderem Maße gesellschaftlich vorgegebene Rollenbilder zeigen, passende und aussagekräftige virtuelle Hintergründe gewählt, für private Szenen, die die Spielerinnen in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit sich und der Frauenrolle zeigten, hingegen ihre privaten Räume zu Hause. Durch Improvisation und Auswahl von Texten wurden die Szenen entwickelt und schließlich zu einer ersten verdichteten Fassung zusammengestellt. Dabei entschied die Gruppe, die innere Ordnung der Themencollage durch wiederholtes variierendes Aufgreifen von Texten und Bildern zu gestalten und insgesamt eine inhaltliche Steigerung anzuvisieren.
Vor Aufführung im Juli erfolgte noch eine Vertiefungsphase, in der digital über die reine Zoomästhetik hinausgehend zum Thema gearbeitet wurde. Es wurden von den Schülerinnen zu verschiedenen Aspekten und Texten TikTok-Videos mit Lip sync erstellt sowie Musik, Übergänge und Abfolge der Szenen festgelegt.
Für die Aufführung selbst wurde insbesondere diskutiert und besprochen, worin Unterschiede im Live-Performen oder Film-Abspielen liegen und was ein digitales Theater notwendigerweise braucht, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erhalten.
- Interaktion und Partizipation,
- ein souveräner Umgang mit Fehlern und Pannen, die aufgrund des digitalen Formats entstehen,
- keine Scheu vor der Sichtbarkeit dieser Pannen,
- eine abwechslungsreiche und kurzweilige Reihung sowie
- unmittelbares und authentisches Spiel
waren Faktoren, die gemeinsam mit den Schülerinnen erarbeitet und festgestellt wurden. Die Zuschaueranmoderation und -ermunterung, sich zu beteiligen, wurden geprobt und technische Abläufe gefestigt und optimiert. Für die Aufführung beim SDL wurde zudem ein Instagram-Account generiert, um das Thema Feminismus in der SDL-Woche noch über Social Media bei den Festivalteilnehmer*innen in den Fokus zu rücken und in den digitalen Austausch dazu zu kommen. Hier wurden täglich Beiträge, Stories und Reels gepostet.
Probleme und Highlights
Wie in jedem Prozess innerhalb einer Projektarbeit kam es auch hier zu Motivationstiefs. In unserem Fall kam das Tief, nachdem der erste Gesamtentwurf des Stücks im Mai entwickelt worden war, die Abiturientinnen ausfielen und die nun wieder erlaubten analogen Proben in Präsenz wenig ergiebig waren, da eine Übertragung des digitalen Formats zurück ins Analoge nach einigem Ausprobieren sich als wenig praktikabel erwies. Als dann die Proben deshalb wieder ins Digitale verlegt wurden, fehlte der Gruppe das gemeinsame leibliche Zusammenkommen. Erst kurz vor der ersten Aufführung im Juli beim digitalen bayerischen Schultheaterfestival SPIEL-PLATZ_2.0 ging es, auch durch das Entwickeln der TikTok-Videos und der Ideen für die Zuschauerpartizipation, wieder aufwärts. Im September beim SDL gab es dann bereits eine leichte Zoom-Müdigkeit bei allen, und die Partizipationsideen über Zoom waren mit der SDL-Plattform unerwarteterweise nicht realisierbar, da zwar die Aufführung live übertragen wurde, nicht aber Zuschauer in Zoom live dabei sein konnten, sodass sehr schnell auf das Tool Slido umgeswitcht werden musste. Dies löste bei allen Stress aus, letztendlich konnten wir mithilfe unseres Technikers aber gut darauf reagieren.
Insgesamt stellte sich der Umgang mit filmästhetischen Mitteln wie Kameraperspektiven, Einstellungsgrößen, Bildaufbau, Bildsprache und Lichteinsatz als Highlight heraus. Es machte bei den Proben viel Spaß, unterschiedliche Möglichkeiten der filmischen Arbeit auszuprobieren, indem beispielsweise auch mit mobilen Geräten wie Smartphone oder Tablet gearbeitet wurde. Beim gezielten Erstellen der kurzen Videoclips kam dies auch zum Tragen.
Ein weiteres Highlight war der Einsatz verschiedener digitaler Apps, v. a. Padlet für die Recherchearbeit sowie Slido für die Zuschauerbefragungen und die damit einhergehenden oftmals notwendigerweise improvisierten Spielhandlungen der Spielerinnen. Hierdurch entstand ein hohes Maß an Spielsicherheit, flexibel reagieren zu können. Interaktion und Partizipation konnten im digitalen Raum gut in die Inszenierung integriert und über die digitalen Anwendungen in Instagram noch verstärkt werden.
Die Entwicklung des Projekts hat in jedem Fall Mut gemacht, (Schul-)Theater und Digitalität zusammenzubringen!
Die digitalen Ansätze, der Einsatz digitaler Tools und Medien, die kollaborativen digitalen Arbeitsweisen und die Verschränkung von analogem mit digitalem Theater haben uns in vielfacher Weise dazu ermuntert, darüber nachzudenken, was digitale Formate brauchen und inwieweit digitale Zugänge gewinnbringend in analoges Schultheater integriert und auch weiterentwickelt werden können.