Fokus 2025 - Vielfalt

Der Traum von Vielfalt

Eine Reflexion über ästhetische Hierarchien und soziale Ungleichheit beim Schultheaterfestival

Das diesjährige Schultheater der Länder setzte mit dem Titel Schultheater.Vielfalt ein Oberthema, das vielfältigste Bewerbungen zulässt und zugleich einen hohen Anspruch stellt. Schon im Grußwort der Kultusministerin Julia Willie Hamburg im Begleitheft wird betont, wie sehr das Thema den Nerv der Zeit treffe. Hamburg hebt hervor, dass Theater und Schulen gesellschaftliche Werte wie Offenheit, Gleichheit, Toleranz und Solidarität lebendig werden lassen.

Auch Elise von Bernstorff und Johannes Kup betonten in ihrer Eröffnungsrede des Workshoptages, dass das Thema Vielfalt angesichts der aktuellen politischen Situation, in der etwa Genderverbote ausgesprochen und das Abnehmen von Regenbogenflaggen angeordnet wurde, besondere Aufmerksamkeit verdient. Die beiden Professor:innen machten deutlich, dass Vielfalt nicht als Defizit, sondern als künstlerische Qualität verstanden werden muss. Theaterinszenierungen sollten daher dahingehend reflektiert werden, wer repräsentiert wird, wem die Bühne gehört und wessen Stimmen im Mittelpunkt stehen. Insbesondere sollten dabei den Menschen Raum gegeben werden, die in unserer Gesellschaft marginalisiert werden. Konnten die Inszenierungen diesem Anspruch gerecht werden? Welche Herausforderungen ergeben sich, wenn künstlerischer Anspruch und schulische Realität aufeinandertreffen? Inwiefern kann Schultheater ein Ort sein, an dem gesellschaftliche Debatten über soziale Ungleichheit angestoßen werden?

Vielfalt im Programm - und ihre Grenzen 

Die Auswahl der Gruppen zeigte, dass das Fach Darstellendes Spiel nicht nur an Gymnasien und Gesamtschulen im Stundenplan aufgenommen werden sollte, wie es bisher in Niedersachsen der Fall ist. Schließlich waren zum Schultheater der Länder 2025 neben einigen Gymnasien auch eine Grundschule, eine Oberschule und eine Berufsschule für Elektrotechnik eingeladen. Die Kooperation des Gymnasiums Schloss Wolfenbüttel mit der Förderschule Peter-Räuber-Schule eröffnete am Samstagabend das Festival.

Durch die Besonderheit dieser Kooperation, bei der zwei so unterschiedliche Schulen eng zusammenarbeiteten, scheint auf den ersten Blick sichtbar zu werden, welches Potenzial Schultheater für gelebte Vielfalt und Teilhabe bieten kann. Zugleich wird aber bereits durch die Tatsache, dass eine Förderschule nur in Verbindung mit einem Gymnasium im Programm auftaucht, erste strukturelle Ungleichheiten deutlich. Dieser Essay konzentriert sich daher auf die letztgenannte Inszenierung, um kritisch zu beleuchten, inwiefern hier Teilhabe stattfindet.

Zwischen Anspruch und Asymmetrie 

Die Inszenierung Die Welt den Träumern, die unter der Leitung von Julia Gerasch und Anika Denicke von der Peter-Räuber-Schule sowie Antonia Dorothea Bührig vom Gymnasium Schloss Wolfenbüttel entstand, wird im Programmheft als Tanztheaterprojekt beschrieben. Sie setzt sich mit der Frage „Wovon träumen wir?“ auseinander. Der Rechercheprozess basierte auf biografischen Erlebnissen zur Ausgangsfrage und wurde als bewegungsorientierte, gemeinsame Forschung über individuelle Träume konzipiert.

Die Welt den Träumern beginnt mit Schüler:innen, die mit dem Rücken zum Publikum sitzen. Zunächst ist unklar, welche Schüler:innen zu welcher Schule gehören, doch im Verlauf der Inszenierung wird deutlich, dass die komplexen Choreografien zu Beginn vor allem von den Gymnasiast:innen getanzt werden. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen Schüler:innen beider Schulen gemeinsam auf der Bühne agieren.

Im Laufe der Aufführung zeigen sich bei den Gruppen ausschließlich unterschiedliche Ästhetiken im Tanz, sodass das Potenzial der vielfältigen Gruppe, eine gemeinsame Tanzsprache zu finden und dies als besondere Qualität herauszustellen, ungenutzt blieb. Die parallelen Ästhetiken wurden besonders gegenübergestellt, als zwei Gruppen von Schloss-Schüler:innen eine Gruppe von Peter-Räuber-Schüler:innen rahmten und alle gemeinsam eine Herzklopf-Geste performten.

Sichtbarkeit und Macht

Die längere Bühnenzeit der Schloss-Schüler:innen ist kein Zufall. Auch das Instagram-Werbevideo spiegelt diese Ungleichheit wider: Zu Beginn sind ausschließlich die Schüler:innen des Gymnasiums, zum Teil auch einzeln, zu sehen, während die gesamte Gruppe erst am Ende kurz gemeinsam erscheint.

Auch die Kostümgestaltung verstärkte teilweise die Trennung zwischen den beiden Schulen: Die Schüler:innen des Gymnasiums trugen meist schlichte, farblich abgestimmte Kleidung in Weiß-, Grau- und Cremetönen, während die Peter-Räuber-Schüler:innen in deutlich individuelleren Kostümen auftraten, etwa als Hexe oder Pilz. Diese visuelle Unterscheidung ließ die Zugehörigkeit zur jeweiligen Schule auch auf ästhetischer Ebene erkennbar werden.

Neben der sichtbaren Dominanz des Gymnasiums in Choreografie, Bühnenzeit und Bildsprache wurde während der Aufführung zugleich spürbar, wie wertschätzend und unterstützend die Schüler:innen miteinander umgingen. Die Leistung der gesamten Gruppe, die viel Raum für eigene Interpretationen ließ, wurde vom Publikum mit großem Applaus gewürdigt. Der Stolz der Mitwirkenden und die gemeinsame Freude am Abschluss waren spürbar und mitreißend.

Strukturen bestimmen mit 

Im Nachgespräch mit den Spielleitungen wurde deutlich, dass das Projekt unter dem Leitgedanken der Vielfalt und Kooperation entstand, aber besonders die strukturellen Gegebenheiten der unterschiedlichen Schulen die Kooperation erschwerten. Die Schulleitungen schienen wenig unterstützend gewesen zu sein, so stellten beispielsweise die Klausurenpläne des Schlosses Wolfenbüttel die Gruppe unter Zeitdruck. Des Weiteren konnte die Gruppe nur alle zwei Wochen gemeinsam proben, da die Schüler:innen des Schlosses zur Peter-Räuber-Schule hinlaufen und die Schüler:innen der Peter-Räuber-Schule sich an den Nachmittagsunterricht anpassen mussten und entsprechend aber auch Pausen brauchten.

Die benötigten Pausen seitens der Peter-Räuber-Schüler:innen während der Inszenierung waren auch laut Spielleitung Bührig der Grund dafür, dass zu Beginn vor allem die Schloss-Schüler:innen auf der Bühne performten. Darüber hinaus wurde im Nachgespräch von den weiteren Spielleitungen Gerasch und Denicke berichtet, dass die künstlerische Leitung des Projektes und damit auch die künstlerischen Entscheidungen vor allem bei der Gymnasiallehrerin Bührig lag, wodurch nochmals die Hierarchie zwischen den Schulen deutlich wurde.

Während das gemeinsame Projekt formal Teilhabe ermöglicht, bleibt die künstlerische Repräsentation asymmetrisch. Die stärkere Sichtbarkeit der Gymnasiast:innen kann dabei als Spiegel struktureller Bildungsungleichheit verstanden werden, wie sie Pierre Bourdieu (1983) in seiner Theorie des kulturellen Kapitals beschreibt: Schüler:innen, die über institutionell anerkannte Ausdrucksformen verfügen, werden auch in ästhetischen Bildungsprozessen häufiger als „kompetent“ wahrgenommen und erhalten dadurch mehr Bühnenpräsenz. Die ästhetische Sprache des Gymnasiums wird somit zur leitenden Norm, während die Ausdrucksformen der Förderschule überwiegend ergänzend erscheinen. Dadurch entsteht keine gemeinsame ästhetische Praxis, sondern eine Hierarchie der Ausdrucksweisen.

Wen lässt das Theater sitzen?

Francis Seek und Verena Brakonier beschreiben im Interview der Zeit zum Thema Klassenherkunft und soziale Ungleichheiten, dass für mehr Teilhabe in Kulturbetrieben das Programm, Personal und Publikum betrachtet werden müsse. Übertragen auf die Schultheaterinszenierung bedeutet das, dass sich der Blick nicht nur auf die Schüler:innenschaft und die ästhetische Umsetzung richten sollte, sondern auch auf die Zusammensetzung und Wahrnehmung des Publikums. Hier lohnt sich der Verweis auf die Aussage der Spielleitung Julia Gerasch, die im Nachgespräch hervorhob, wie viel von den Strukturen und Schüler:innen der Peter-Räuber-Schule gelernt werden könne.

Wenn also die Schüler:innen der Peter-Räuber-Schule während der Inszenierung Pausen benötigen und diese nicht durch eine Durchmischung der Szenen ermöglicht werden können, stellt sich die Frage: Warum wird angenommen, dass das Publikum in der Lage sein muss, eine Aufführung ohne Pausen durchzuhalten? Mit dieser Frage zeigen sich die ableistischen und klassistischen Strukturen des Theaters deutlich – Strukturen, die auf der Annahme basieren, dass sowohl Darstellende als auch Zuschauende bestimmte körperliche, kognitive und soziale Voraussetzungen erfüllen müssen, um vollständig am Theater teilzuhaben.

An dieser Stelle wird das Potenzial dieser Kooperation sichtbar: Sie könnte, wenn sie die unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse nicht nivelliert, sondern bewusst thematisiert, zu einem Reflexionsraum über diskriminierende Theaterstrukturen werden. Denkbar wäre etwa, Pausen als bewussten ästhetischen Bestandteil der Aufführung zu integrieren und damit den performativen Rahmen zu erweitern. Wenn die Schüler:innen der Peter-Räuber-Schule selbst über Pausen verfügen und diese aktiv einberufen, würde dies nicht nur die Theaterkonvention hinterfragen, sondern auch Teilhabegerechtigkeit als ästhetisches Prinzip sichtbar machen. Nach Erika Fischer-Lichte (2004) können solche Pausen nicht als Störung, sondern als produktive ästhetische Erfahrung begriffen werden, in der Machtverhältnisse erfahrbar und verhandelbar werden. Schultheater kann damit über reine Repräsentation hinausgehen, soziale Ordnungsmuster performativ infrage stellen und alternative Formen des Zusammenwirkens erproben.

Der Traum von einem anderen Theater

Das Schultheater der Länder Festival 2025 zeigt uns, dass Vielfalt auf der Bühne kein Selbstläufer ist. (Schul-)theater, das Vielfalt leben möchte, verlangt nach Strukturen, die Vielfalt nicht nur zulassen, sondern aktiv damit umgehen. Dementsprechend müssen die eigenen Normen in Frage gestellt werden, es muss weiterhin kritisch hinterfragt werden wer sichtbar ist, wer spricht und wer pausiert. Erst dann kann (Schul-)theater zu einem Raum werden, der gesellschaftliche Machtstrukturen nicht reproduziert, sondern diese hinterfragt.

Vermutlich ist das die besondere Kraft des Schultheaters: Es steht nicht die Perfektion einer Aufführung im Mittelpunkt, sondern die Unruhe, die eine Aufführung hinterlässt und diesen Ort weiterdenken lässt.

Literatur
  • Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten. Göttingen: Schwartz: S. 183 – 198.
  • Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp: S. 31 ff.
  • Bundesverband Theater in Schulen e.V. (Hrsg.) (2025): Bundeswettbewerb. Schultheater der Länder. Braunschweig/Wolfenbüttel 27.09. – 02.10.2025. Schultheater.Vielfalt.
  • Braunschweig: S. 31.
  • Twickel, Christoph: „Wenn’s im Theater um Armut geht, trägt oft wer ein Feinripp-Shirt.“Woher kommen Armutzsklischees und bildungsbürgerlicher Habitus in der Kulturszene? Die Performerin Verena Brakonier und die Anthropolog:in Francis Seeck im Interview.
  • URL:<https://www.zeit.de/hamburg/2021-04/klassismus-kun...; (30.09.2025).
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