Ablauf und Materialien zum Workshop auf dem SDL 2025
1. Einführung
Im Rahmen des Programms Didaktischer Schwerpunkt Diversity (DSD) haben wir, Aaron Aschenbach und Ursula Jenni für die Lehramtsstudiengänge Theater/ Darstellendes Spiel an der UdK ein Programm entwickelt, das Diversität als machtkritische Praxis für das Fach Theater reflektiert. Basierend auf Inputs von Diversity-Expert*innen haben wir zur zwei Schwerpunkthemen – Klassismus und Zugänge zu Räumen, sowie queerfeministische Reflexion von Figuren-Stereotypen - exemplarische Workshops entwickelt und in Schulen erprobt. Wir geben einen Überblick über diese beiden Workshops und beleuchten, wie potenziell diskriminierende Automatismen, wie der Rückgriff auf Stereotypen oder Praxen des Otherings, im Theaterunterricht kritisch hinterfragt und verschoben werden können.
2. Sprechen im Modus der Mahloquet
Warum Gesprächsstrukturen wichtig sind.
In der gemeinsamen kritischen Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Themen zeigen sich in den unterschiedlichen individuellen Perspektiven vielfältige und bereichernde Unterschiede - mitunter auch Widersprüche. Diese Differenzen zu hören, zu erkennen und anzuerkennen, erfordert einen spezifischen Fokus und eine entschiedene Aufmerksamkeit von den Gesprächsteilnehmenden. Allzu leicht verfallen Menschen ansonsten in den erprobten Modus des Recht-Haben-Wollens und Überzeugen-Wollens – oder in die voreilige Suche nach Kompromissen.
Die Praxis der Mahloquet.
Die Gesprächspraxis der Mahloquet wird durch die Autor:innen des Praxishandbuchs „Social Justice und Diversity Training“ für die diversitätssensible Arbeit vorgeschlagen (vgl. Literatur). Sie fördert eine offene und respektvolle Gesprächsatmosphäre und ermöglicht die Wahrnehmung und Anerkennung diverser Perspektiven. Sie basiert auf folgenden Prinzipien:
- Sprich für dich und deine Perspektive
Jede Person spricht aus der eigenen Perspektive und bringt eigene Gedanken, Gefühle oder Interpretationen ein. Sie verzichtet darauf, Perspektiven von anderen Personen einzubringen, zu interpretieren oder zu kommentieren. Genaues Zuhören und offenes Nachfragen helfen bei der Erhellung einer neuen Perspektive. Pausen machen Sinn und geben Raum fürs Nachdenken. Keine Person muss sprechen.
- Jeder Beitrag steht für sich
Um diverse Perspektiven zu hören und anzuerkennen empfehlen die Entwickler*innen des Social-Justice und Diversity-Training die Vorstellung, Gast in der Erzählung einer Person zu sein und die eigenen Allmachtsfantasien zu suspendieren. Das heisst: Zuhören und Perspektiven, Gedanken und Gefühle der erzählenden Person wahr- und ernst nehmen. Das heisst auch: Die Dissonanz unterschiedlicher Perspektiven auf ein Thema aushalten.
Wirkung: Lernen in Begegnung und Transformation von Routinen
Die Praxis der Mahloquet folgt der Intention, Themen viel-perspektivisch zu durchdringen. Dadurch eignet sie sich in besonderer Weise, um diverse Perspektiven und Erfahrungswerten Raum zu lassen. Das mehrstimmige Durchdringen eines Themas oder vielstimmige Durchleuchten einer Geschichte eignet sich, um je eigene weiße Flecken – also Flecken der eigenen Unkenntnis – kennenzulernen.
3. Critical Diversity | Projekt Didaktischer Schwerpunkt Diversity
In der Entwicklung des Didaktischen Schwerpunkts Diversity haben wir einen Schwerpunkt auf die Handlungsorientierung gelegt. Der Berliner RLP umschreibt in Teil B „Fächerübergreifende Kompetenzentwicklung“ den Begriff des Diversity mit „Bildung zur Akzeptanz von Vielfalt" als Menschrechtsansatz. Damit wird deutlich, Umgang und Akzeptanz von Vielfalt ist ein (Bildungs-)Prozess mit je eigener Ausprägung in unterschiedlichen Fächern. Und dieser Prozess ist in einem größeren, dynamischen und machtvollen Geschehen eingebunden, demjenigen der Orientierung und Aufrechterhaltung der universellen Menschenrechte. Vgl: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
"Verwirklichungs- und Befähigungsgerechtigkeit“ sprechen aus unserer Sicht in spezieller Weise die künstlerischen Fächer an, in denen sich Schüler*innen über künstlerische und kulturelle Praktiken zum Ausdruck bringen und reflektieren können. Im Fach Theater mit der Referenz auf die Darstellende Kunst als performative und repräsentierende Versammlungs-Kunst spielen Praktiken der Anerkennung, Befähigung und Verwirklichung eine wichtige Rolle.
Anzuerkennen, dass die Vielfalt, wie beispielsweise Schüler*innen, sich und Welt wahrnehmen, wie sie partizipieren, reflektieren und gestalten in machtvolle, historisch andauernde Prozesse von Auf- und Abwertungen eingebunden sind, bedeutet, diskriminierungskritisch auf Diversität und Vielfalt zu schauen.
Wir konzipieren unsere Workshops von einer herrschaftskritischen Warte aus, die Differenzen als „menschliche und institutionelle Konstruktion“ an-erkennt und reflektieren will.
CZOLLEK/PERKO/WEINBACH (2012) benennen drei gesellschaftliche Ebenen/ Arenen, auf denen sich An- und Aberkennungsprozesse abspielen: Kulturelle Ebene, Institutionelle Ebene und Individuelle, interpersonale Ebene
Die Kulturelle Ebene umfasst künstlerische und kulturelle Artefakte und Praktiken, Sprachen und Sprachbilder, öffentliche Diskurse, Normen und Werte, oder auch Wissensbestände. In der Art und Weise wie Wissensbestände, Praxen und Diskurse (un-)sichtbar gemacht werden, wird erkennbar in welchem (Herrschafts-)Verhältnis Gruppen zueinander stehen. Dies betrifft beispielsweise die Wert- Schätzung von diversen Sprachen bei Mehrsprachigkeit von Schüler*innen. Oder als weiteres Beispiel: Die Frage welche Menschengruppen in kanonisch bekannten Stücken repräsentiert werden – oder nicht.
4. Social Justice
Verteilungsgerechtigkeit
Umverteilung. Gleichverteilung. Für Alle: ungeachtet von Diversitykategorien, Nützlichkeit, Leistung.
Anerkennungsgerechtigkeit
Teilhabe & Partizipation: Bildung, Kunst, Kultur, Gesundheitswesen – In allen gesellschaftlichen Feldern, in denen sich die Pluralität von Menschen widerspiegeln soll.
Verwirklichungsgerechtigkeit/ Befähigungsgerechtigkeit
Perspektivenwechsel: Institutionen stellen Ressourcen zur Verfügung und befähigen zur Partizipationsmöglichkeit. (Czollek/Perko/Kaszner/Czollek 2019: S. 24 f.)
Begriff: Macht- und Herrschaftsverhältnisse
Macht- & Herrschaftsverhältnisse meint, dass Strukturelle Diskriminierung auf einem Zusammenspiel von individueller Machtausübung und institutionalisierter Herrschaft beruht, die sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern zu (instituierten) Strukturen verfestigen können. (Czollek/Perko/Kaszner/Czollek 2019: S. 23)
Begriff: Strukturelle Diskriminierung
Strukturelle Diskriminierung ist Bestandteil von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Diversity-Kategorien sind gesellschaftliche Regulativa, aufgrund derer Menschen strukturell diskriminiert oder privilegiert werden.
Strukturelle Diskriminierung bezeichnet individuelle, institutionelle und kulturelle Praxen (Sprach/Handlungen) von Diskriminierung, die ineinander verwoben sind.
Strukturelle Diskriminierung basiert
- auf den Mechanismen und Prozessen des Othering, bei denen Menschen mittels Stereotypisierung zu Anderen gemacht werden.
- auf bestimmten Denkschemata, die sich u.a. aus historisch überlieferten Reinheits- und Homogenitätsfantasien speisen.
Diversity ist also nicht die „Vielfalt, die mich bereichert“. Es meint die Anerkennung der radikalen Vielfalt.
5. Klasse und Klassismus
Was bedeutet Klasse?
Klasse ist mehr als nur die Frage, wem was gehört. Sie bestimmt, wie sehr jemand am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann – ob in der Schule, auf dem Wohnungsmarkt oder im Kulturbereich.
Der Soziologe Pierre Bourdieu bestimmt Klassenzugehörigkeit über die Betrachtung unterschiedlicher Kapitalformen. Hierbei bezieht er auch nicht-materielle Güter, wie familiäre Beziehungen und erworbene Kompetenzen mit ein:
- Ökonomisches Kapital: Geld, Besitz
- Kulturelles Kapital: Bildung, Sprache, Zugänge zu Kultur
- Soziales Kapital: Beziehungen, Netzwerke
Menschengruppen verfügen über unterschiedliche Ausprägungen der Kapitalsorten. Damit gestalten und erleben sie ihr Umfeld: Wohnen, Freizeit, Arbeitsleben und vieles mehr.
Und die Menschen, die sich in einem solchen Umfeld bewegen tun dies spezifischer Weise. Bourdieu hat hierfür den Begriff des Habitus geprägt: Der Habitus entsteht aus unseren Erfahrungen in einem bestimmten sozialen Umfeld und prägt unser Selbstbild sowie unsere Möglichkeiten im Leben.
Was ist Klassismus?
Klassismus ist eine Form von Diskriminierung, die oft übersehen wird – gerade weil vielen Menschen gar nicht bewusst ist, dass es sie gibt. Klassismus bezeichnet die Abwertung und Ausgrenzung von Menschengruppen auf Grund von unterschiedlicher Ausstattung mit den drei Kapitalsorten und unterschiedlichem Habitus.
Ökonomisch arme Menschen werden beispielsweise oft als faul oder unfähig abgestempelt. Diese Zuschreibungen erschweren nachgewiesenermaßen sozialen Aufstieg und verstärken bestehende Ungleichheiten.
Warum ist es wichtig darüber zu sprechen?
Besonders in kulturellen Räumen zeigt sich, dass Faktoren, wie Bildungsabschluss und ökonomisches Kapital, einen maßgeblichen Einfluss auf die kulturelle Teilhabe besitzen.
Die aktuelle Studie »Relevanzmonitor Kultur« der Bertelsmann-Stiftung (2023: 14) fand heraus, dass lediglich 22% der Befragten im letzten Jahr eine Theaterau!ührung besuchten. Näher betrachtet zeigt sich, dass Menschen mit höherem Bildungsabschluss und höherem Nettohaushaltseinkommen exponentiell öfter ins Theater gehen, als Menschen mit einem Hauptschulabschluss oder einem Einkommen von 1500€ (vgl. Bertelsmann 2023: 14). Es lässt sich eine Benachteiligung und Exklusion von Menschen ohne akademischen Abschluss und/oder Menschen mit geringem Einkommen anhand der relativ gemessenen Publikumszusammensetzung, erkennen.
6. Ablaufplan Workshop – SDL September 2025
BEGRÜßUNG, EINSTIEG, KENNENLERNEN
Gruppennetz 1: Ab-Wickeln
Es wird ein Netz aus einem Wollknäuel gesponnen. Dafür hält der/die Anfangsspieler:in das Ende des Wollknäuels fest und wirft es zu einer anderen Person. Dabei sagt er/sie seinen Namen und vervollständigt den Satz: Diversität/ Vielfalt/ Diversity bedeutet für mich….
Der/die Spieler:in hält die Wolle fest und wirft das Knäuel weiter. Das Wollknäuel wird immer über die bereits gespannten Schnüre geworfen und jede Person hält ihr Knäuel-Part „Ecke“ gut fest. Wenn jede Person eine „Ecke“ in der Hand hält, wird das „Netz der Gruppe“ vorsichtig auf den Boden gelegt.
Einführung Critical Diversity und Anmerkungen zum Projekt Didaktischer Schwerpunkt Diversity
Situativ gesprochen repräsentiert das Netz auf dem Boden die interpersonelle Ebene, das Gebäude der Hochschule die institutionelle Ebene, und eine Handvoll Reclams-Hefte die kulturelle Ebene.
Gruppennetz 2: Auf-Wickeln
Wir nehmen das Gruppennetz wieder sachte auf. Achtsamkeit, Zuhören Zeit für Stille und Nachdenken sind zentral für eine diskriminierungsarme Praxis. Wenn wir davon ausgehen, dass wir radikal unterschiedlich sind – jenseits von (Gruppen-)Zuschreibungen – dann können wir uns vorstellen, dass jede Person besonders ist. Der Faden wird nun „zurückgeworfen und aufgewickelt. Das Wickeln gibt Zeit zum Nachdenken. Denn die Frage ist tricky: Welches Können, welche Erfahrung, welches Erlebnis macht dich besonders? Worin denkst du, bist du einzigartig?
Während wir gemeinsam den Wollknäuel zurückwickeln, entwickeln wir gleichzeitig einen Moment des Vertrauens und des mutigen Teilens unserer diversen Erfahrungswelt. Dazu gehört auch, dass wir vielleicht gerade nichts sagen können. Und wir kultivieren das mutige Sprechen „von mir“. Vgl. auch: Glossar zu safe, safer, brave space
PRAXISTEIL STEREOTYPE
Im Workshopformat „Schnee von gestern“ entwickelten wir vom DSD-Team (Aaron Aschenbach, Ursula Jenni, Nhu Luu, Lex Mannigel) ein Proben und Unterrichtsprozess, der es den Teilnehmenden erlaubt, sich kritisch mit einer stereotypen Figurenzeichnung auseinanderzusetzen.
Wir haben den Ausschnitt „Widerständige Praxis“ erprobt.
Drei Bewegungen im Kreis
Im Kreis, stehend oder sitzend – ein Konzentrationsspiel. Die Spielerinnen verabreden drei Bewegungen (z.B. pantomimische Handlungen: Staubsaugen, durch ein Fernglas schauen, Torte essen). Diese werden nun ohne Absprache so aneinandergefügt, dass von außen nicht erkennbar ist, wer den Bewegungsimpuls gegeben hat. Um dies zu erreichen ‚gehen’ die Spielerinnen in den peripheren Blick – sie bekommen alles mit. Die Gruppe bewegt sich Gruppe sehr, sehr langsam und alle folgen den Impulsen in der Gruppe. Es kann passieren das zwei unterschiedliche Bewegungs-Impulse gleichzeitig starten. Hier können unterschiedliche Regeln gesetzt werden: Die Gruppe entscheidet sich rasch aber ohne Hektik im Tun für einen Impuls. Beide Impulse werden gleichwertig durchgeführt. Und zwar zu 100% - ohne korrigieren. Das Spiel kann solange gespielt werden, bis kein neuer Impuls mehr aus der Gruppe kommt – diese also von selbst zur Ruhe kommt.
Synchrone Bewegung im Dreieck / Diamant
Nun wenden wir das Dreiecksprinzip choreografisch an. Drei Spieler kommen in einem Dreieck zusammen. Sie stehen ca. 1m von einander entfernt und schauen in die gleiche Richtung. Dadurch gibt es ganz klar einen Leader, nämlich, die Person, die vor sich niemanden sieht, also diejenige die in der Spitze des Dreiecks steht und nach vorne schaut. Sie gibt die Gangart vor, das Tempo, die Art und Weise. Die Richtung. Wenn sie nun nicht mehr weiter Leader sein möchte, dreht sie sich um ca. 60° dadurch wird eine neue Spielerin zur Leaderin, weil nun die Blicke in eine andere Richtung zu einer anderen Spitze des Dreiecks geht.
Wenn sich das Dreieck sicher bewegt können die Spielerinnen nun die Parkbewegungen tänzerisch einfließen lassen. Der Leader bestimmt dabei Tempo, Größe und Energie der jeweiligen Bewegung.
Dieses Spiel kann auch als Raute (4 -Eck) oder als 5 -Eck durchgeführt werden – diese beiden Formen erfordern jedoch mehr Konzentration in den Übergängen der Leader.
Medusa in 3 Stufen
Stufe 1.: A geht vor – B folgt genau hinten dran. – A kann sich blitzartig umdrehen und B versucht so schnell sich ebenfalls umzudrehen, dass sie keinen Blickkontakt mit A hat. So wechseln sich A und B in der Guide-Rolle ab und achten dabei, dass der Wechsel spannend bleibt – variieren zwischen schnellen Wechseln und längeren Phasen der eigenen Führung. Bleiben präsent und überraschen sich gegenseitig.
Variante: Im Moment der Drehung kann mit dem Blickkontakt gespielt werden. Das meint: Die folgende Person traut sich jetzt den Blickkontakt mit Medusa zu. Was passiert dann? Wie kann das Spiel des Blickes sein. Sich in die Augen schauen? Sicher retten, in dem mensch auf die Mitte der Stirn schaut? Den Blick über den Körper gleiten lassen. Wer dreht sich als erste Person wieder um? Welches Spiel ergibt sich neu daraus?
Welche Formen von Widerstand kannst du wahrnehmen? Wie kannst du mit Widerstand durch Blick, Drehung, gehen spielen?
Medusa, Figur der griechischen Mythologie , war ursprünglich eine bildschöne Frau. Sie wurde von Athene in einem ihrer Tempel beim Liebesspiel mit Poseidon entdeckt. Diese war so erzürnt, dass sie Medusa in ein Ungeheuerverwandelte mit Schlangenhaaren und Schweinshauern einem Schuppenpanzer und glühenden Augen. Jeder der sie erblickte erstarrte zu Stein, so schlimm war es, sie anzusehen. Gestaltung einer widerständigen Praxis auf der Grundlage des Bewegungs-Warming-Ups
Die Figuren, wie sie in den Grimm’schen Märchen vorgestellt werden, können als Archetype gelesen werden. In unserer Wahrnehmung werden sie jedoch häufig genutzt, um Stereotypen zu reproduzieren. Sie sind einerseits Konstrukte diskriminierender Zuschreibungen, z.B. böse alte Frau‘, Konkurrenz zwischen Frauen, unwidersprochener Gehorsam des Jägers, vom Schicksal begünstigter Prinz, der nichts tun muss, um seine bildhübsche Frau zu finden… Andererseits bleiben zeitlich und räumlich an ‚anderer Stelle‘ verankernde Fassungen, die sich mit gleichen Motiven beschäftigen ausgeblendet und ungesehen.
Vgl.: Richilde - Märchen
Aufgabe: Entwickelt eine widerständige Praxis auf der Basis der im Bewegungs-Warming-up entwickelten Motiven und Spiel-/Darstellungs- Verläufen.
PRAXIS IMPOSTER | WARM UP
Im Workshopformat „klasseNräume“ entwickelten wir vom DSD-Team (Aaron Aschenbach, Ursula Jenni, Nhu Luu) ein Proben und Unterrichtsprozess, der es den Teilnehmenden erlaubt, sich kritisch mit Klassismus Erfahrungen in (kulturellen) Räumen auseinanderzusetzen. Das vollständige Praxisformat wird auf der Website critical-diversity-fachdidaktik.udk-berlin.de
veröffentlicht, die 2026 online geht.
Wir haben den Ausschnitt „Imposter“ am Beispiel des Romans Martin Eden von Jack London erprobt.
- Unerkannt spiegeln
- Alle laufen frei durch den Raum.
- Jede Person sucht sich still eine andere Person aus, die sie heimlich imitiert (Gestik, Haltung, Tempo, Bewegungsqualität).
- Wichtig: Die gewählte Person darf es nicht merken.
Nach 1–2 Minuten Wechsel: neue Person suchen.
2. Wer ist der Imposter?
- Alle laufen frei durch den Raum.
- Jede Person erhält eine Bewegungshaltung: schwerfällig, eckig, fließend, angespannt, lässig, vorsichtig, zielstrebig
- Zwei Personen bekommen keine Qualität und sollen „mitlaufen, als würden sie dazugehören“.
- Die Gruppe versucht herauszufinden: Wer ist der Imposter?
- -> Übergang Gedankenreise, sucht euch einen Platz im Raum, bleibt stehen -> Kopfhörer austeilen
GEDANKENREISE
Hören
automatisches Schreiben: Imaginiere dir einen Raum, in dem du ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Schreibe 5 Minuten automatisch, aus dem Moment heraus: Was siehst du? Was spürst du? Wie bewegt sich dein Körper?
Sich mit Nachbar:in kurz, über Text austauschen, gerne auch vorlesen (5Min)
VOM TEXT ZUM FRAGMENT
Jede Person markiert in ihrem Text 1–2 Sätze oder Wörter / Schlüsselmomente, die für das Gefühl zentral sind.
Dieser eine Moment wird auf kleine Karten übertragen
Karten werden eingesammelt und gemischt
KOLLEKTIVES ECHO
4 Gruppen
Fragmente werden gemischt und dann bekommt jede Gruppe gleiche Anzahl an zufälligen Fragmenten.
Erarbeitung/Probe: Entwickelt gemeinsam aus euren Fragmenten einen bewegten Klangteppich. Überlegt wie die Bewegungen und Prinzipien aus dem WarmUp mit einfließen können.
Showing mit Mini-Popcorn-Reflexion
MINI TRANSFER
TN ziehen die Zitat-Karten, lesen sie laut ins Plenum.
Gruppen á 4 TN
Frage: Wie resoniert dieses Zitat mit dem, was du gerade im Echo erlebt hast
Kurze Pause
THINK
Jede*r TN nimmt sich Zeit für ein kurzes, schriftliches Innehalten
Was war mein Aha-Moment heute?
Welche Situation/Übung aus dem Workshop möchte ich mal im Unterricht ausprobieren?
Wo sehe ich die Herausforderung, selbst unbewusst ausschließend zu handeln?
PAIR
3er Murmelgruppen zu den Fragen: Was für kleine Verschiebungen kann ich machen, um meinen Theaterunterricht diskriminierungskritischer zu gestalten?
Welche Impulse für critical diversity nehme ich für meinen Unterricht mit?
SHAIR
„Landkarte“ erweitern
ABSCHLUSS
Widerständige Praxis
Spielaufgabe: die sieben ‚Zwerge‘
Entwickelt eine Performance mit choreografischen Elementen, in der die sieben ‚Zwerge‘ sich gegen ihre Arbeitssituation auflehnen.
Widerständige Praxis
Spielaufgabe: Schneewittchen
Entwickelt eine Performance mit choreografischen Elementen, in der Schneewittchen sich gegen ihr Ausgestellt-werden auflehnt.
Widerständige Praxis
Spielaufgabe: die Königin
Entwickelt eine Performance mit choreografischen Elementen, in der die Königin sich gegen überhöhte Schönheitsideale auflehnt.
Widerständige Praxis
Spielaufgabe: der Prinz
Entwickelt eine Performance mit choreografischen Elementen, in der der Prinz sich gegen sein Hamsterleben auflehnt.
ZITATE IMPOSTER – SCHULE
„Das Unbehagen in [verschiedenen Räumen] wird häufig als ‚Imposter-Syndrom‘ benannt. Es beschreibt das Gefühl, dass man trotz Erfolgen und Kompetenzen ein*e Betrüger*in sei und diesen Erfolg nur dem Glück oder dem Zufall zu verdanken habe bzw. dass jederzeit aufgedeckt werden könne, dass man nicht [hierhin] gehöre.“
(aus Abou, Tanja: Klassismus im Bildungssystem. Münster: UNRAST Verlag 2024, S.47.)
Die Schule ist in dieser Perspektive Annex [Zubehör, Anhängsel] des Elternhauses. Erfolg oder Misserfolg des Kindes hängen stark vom pädagogischen Einsatz der Eltern ab. So nimmt es wenig Wunder, dass in keinem anderen europäischen Land Schulerfolg und soziale Herkunft so eng aneinandergekoppelt sind wie in Deutschland.
LITERATUR
Social Justice: Czollek, Leah; Perko, Gudrun; Kaszner, Corinne; Czollek, Max (2019): Praxishandbuch Social Justice und Diversity. Theorien, Training, Methoden, Übungen. Basel/Weinheim.
Literaturliste zum Workshop »Schnee von Gestern«
Zum Märchen Schneewittchen:
- Richilde | Eine ältere Version des Stoffs, bei der die Stiefmutter und ihre Familiengeschichte im Fokus steht, [online], https://www.maerchenatlas.de/deutsche-
maerchen/johann-karl-august-musaus/richilde/ (21.01.2025) - Jelinek, Elfriede: Der Tod und das Mädchen I-V. | Eine Adaption des Schneewittchen Märchens von Elfriede Jelinek.
Mehr zu der Gattung Märchen:
- Renger, Almut-Barbara (2006): Zwischen Märchen und Mythos. Stuttgart, Weimar, J.B. Metzler.
- Rölleke, Heinz (2016): Wo kommen eigentlich die (Grimmschen) Märchen her? [online], https://izi.br.de/deutsch/publikation/televizion/29_2016_1/Roelleke- Wo_kommen_eigentlich_die_Maerchen_her.pdf
(21.01.2025). - Ewers, Hans-Heino (2016): Seit wann brauchen Kinder Märchen? [online],https://izi.br.de/ deutsch/publikation/televizion/29_2016_1/Ewers- Seit_wann_brauchen_Kinder_Maerchen.pdf
(21.01.20205).
Literaturliste zum Workshop klasseNräume
- Abou, Tanja (2024): Wer hat Angst vorm Bockflötenproletariat? Elitensicherung, Klassismus und die (Un-)Begrenztheit des Sagbaren . In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/artikel/wer-hat-angst-vorm-blockfloetenproletariat- elitensicherung-klassismus-un-begrenztheit-des (letzter Zugriff am 26.08.2025).
- Abou, Tanja: Klassismus im Bildungssystem. Münster: UNRAST Verlag 2024.
- Bertelsmann Stiftung: Relevanzmonitor Kultur. Stellenwert von Kulturangeboten in Deutschland 2023, [online] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/
Presse/Umfrageergebnisse_Relevanzmonitor-Kultur_20230531.pdf (25.09.2024). - Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Handbuch
- Bildungs- und Erziehungssoziologie. Hrsg. von Bauer, Ullrich, Bittlingmayer, Uwe H. u. Scherr, Albert. Wiesbaden: Springer VS Verlag 2012, S.229–242.
- Gamper, Markus. u. Kupfer, Annett: Klassimus, Bielefeld: transcript Verlag 2024. Jaquet, Chantal: Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Konstanz: University Press 2024. 3. Auflage.
- Lange, Marie-Luise: Site specific work - Raumwandel, Ortswechsel und performatives Schweifen als Forschungspraxis in öffentlichen Räumen, in: Fokus Schultheater, 2010, 09, S.8-23.
- Seeck, Francis: Zugang verwehrt. Keine Chance in der Klassengesellschaft: wie Klassismus soziale Ungleichheit fördert. Zürich: Atrium Verlag 2022. 2. Auflage.