Werkstattbericht
Für dein vollkommenes Wohl
Entwicklung eines Theaterstücks mit Jugendlichen im Sonderpädagogischen Schwerpunkt Sehen –„Für dein vollkommenes Wohl“ oder: Wer bin ich, wenn ich vergessen habe, wer ich bin?
Ein Theaterstück mit Jugendlichen zu entwickeln, ist ein komplexer, vielschichtiger Prozess. Er profitiert von einer intensiven Zusammenarbeit, gut funktionierenden Strukturen und einem sich ständig verfeinerndem Konzept. Von der ersten Idee bis zur Aufführung treffen kreative, organisatorische und pädagogische Aufgaben aufeinander. Ist dieser Prozess besonders, wenn die Jugendlichen eine Sehbeeinträchtigung haben?
Theaterarbeit am Landesförderzentrum Sehen, Schleswig (LFS)
Das LFS ist ein dezentral, überregional und wohnortnah arbeitendes Landesförderzentrum. Es bietet in ganz Schleswig-Holstein die Unterstützung und Beratung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Blindheit und Beeinträchtigung des Sehens an. Die Schüler:innen besuchen die Schulen an ihrem Wohnort.
Neben der spezifischen Unterstützung und Beratung vor Ort werden auch mehrtägige Kurse mit unterschiedlichen Inhalten am Landesförderzentrum in Schleswig angeboten. Im Rahmen dieser Kurse findet seit 23 Jahren der Theaterkurs statt. Der Kurs ist für Schüleri:nnen ab der Klassenstufe 8.
Mit diesem Theaterkursangebot verfolgen wir langfristig die gleichen Ziele, wie jeder Unterricht/Kurs in Gestalten, Darstellendes Spiel und jede AG im Bereich Schultheater. Ergänzt wird dies aus dem „Dualen Curriculum“, welches spezifische Ziele für den Bereich Sehbeeinträchtigungen formuliert (s. a. u.).
In unserem Theaterkurs Schuljahr 24/25 haben sich 15 Jugendliche und junge Erwachsene (Alter 14-23 Jahre) mit dem Thema „Wer bin ich, wenn ich vergessen habe, wer ich bin?“ auseinandergesetzt. Entstanden ist daraus ein gesellschaftskritischer Politthriller: „Für dein vollkommenes Wohl“.
Inhalt „Für dein vollkommenes Wohl“
Im Bestreben ein vollständig gesundes Volk herauszubilden, ist eine dystrophische Gesellschaft entstanden. Dabei müssen die Menschen ihre Individualität, ihr ICH aufgeben. Macht, Machtmissbrauch und gefälschte wissenschaftliche Ergebnisse bestimmen die durch KI optimierten Gesundheitsziele. Sogar die Liebe wird verboten. Doch einige Personen schaffen es, sich gegen die „Vernunft“ aufzulehnen und das politische Konstrukt aus Macht und Korruption zu entlarven. So finden die Menschen über Erinnerungen an schöne Momente, Lieblingsessen und Musik ihr ICH wieder. Welche Werte sind im Leben wichtig?
Zusammenarbeit als Fundament inklusiven Denkens
Am Anfang steht ein Team, niemals eine Einzelperson. Die Zusammenarbeit mit Lehrkräften unterschiedlicher Arbeitsschwerpunkte und Fächer ist ebenso entscheidend wie die Unterstützung durch Springkräfte, Schulleitung, Hausmeister-, Reinigungs- und Küchenpersonal, sowie vor allem das Kursteam, das die organisatorische Arbeit rund um An- und Abreise, Zimmer, Verpflegung, Medikamente und vieles, vieles mehr übernimmt.
Theaterarbeit bedeutet immer Organisation und Kommunikation vor, neben, hinter und schließlich auf der Bühne – und all diese Bereiche müssen ineinandergreifen.
Von der Idee zur Aufführung
Nach der ersten Themensuche wird eine Zeitschiene festgelegt und Einladungen zum Wochenendkurs an interessierte Jugendliche/junge Erwachsene, verschickt. Dem Wochenendkurs im November folgen eine Auswertung, eine Schreibwerkstatt und schließlich ein zehntägiger Kurs im Januar/ Februar, in dem das Stück entsteht. Nebenbei laufen Pressearbeit, Gestaltung von Plakaten und Flyern sowie der Aufbau der Aula. Technikprobe, Durchlauf- und Generalprobe führen schließlich zur Aufführung.
Themensuche: Was bewegt die Jugendlichen?
Der thematische Ausgangspunkt entsteht im Team. Im Brainstorming wird gesammelt, was die Jugendlichen bewegt und berührt: persönliche Erfahrungen in der Schule, Zukunftsfragen und Berufe, Träume und Lügen, LGBTIQ*-Themen, Herkunftsgeschichten, historische Stoffe oder auch aktuelle Entwicklungen wie KI.
Ein Thema muss Offenheit für viele Ideen bieten. Schwierigeren Themen, wie z. B. Tod und Krieg, nähern wir uns, wenn dies von den Jugendlichen ausdrücklich gewünscht wird. Literatur, Filme, Sagen oder bestehende Theaterstücke helfen, die Gedanken zu sortieren und Inspirationen zu finden.
Der Wochenendkurs: Eine Theater-Werkstatt als Appetizer
Der Wochenendkurs bildet den kreativen Auftakt. Die Jugendlichen bringen ihre ganze Lebenswelt mit: Schulstress, Liebeskummer, Spielfreude, Müdigkeit oder Euphorie, neue Erkrankungen. Neben der Annäherung an das Thema ist in dieser Phase die Gruppenfindung entscheidend – und sie bleibt es bis zum Ende des Projekts.
Der Ablauf ist strukturiert:
Freitagabend stellen wir die ausgewählten Themen vor. Es folgt ein ausgiebiges Brainstorming durch die Jugendlichen/jungen Erwachsenen.
Samstag und Sonntag nähern wir uns dem Themenbereich in unterschiedlichen Workshops: Improvisationen, Literaturarbeit, biografisches Theater, spielerische Aufgaben (s. u.), dazu Warm-Ups, Schauspieltraining und vielfältige Übungen. Jedem Workshop folgt eine Präsentation.
Am Sonntagmittag werden aus den Workshop-Ergebnissen von den Jugendlichen Elemente ausgewählt und die zentrale Frage gestellt: Was aus diesem Wochenende soll in das neue Stück einfließen? Manchmal wird eine Vorlage gewählt (so war schon einmal Shakespeare dabei), manchmal improvisiert oder biografisch erzählt – manchmal beginnt direkt die Schreibwerkstatt mit ersten Plot-Ideen.
Für die Thematik „Wer bin ich, wenn ich vergessen habe, wer ich bin“ ergaben sich drei Workshopschwerpunkte, die jeweils mit kleinen inhaltlichen Verschiebungen oder unterschiedlichen Impulsen drei mal in Kleingruppen durchgeführt wurden:
-> Escape-Room: In einem Raum sind Hinweise zu einer Person zu finden – wer könnte diese Person sein? Dazu werden kleine Szenen entwickelt.
-> Auszug aus dem Graphic Novel „Wie ein leeres Blatt“ von Pénélope Bagier: Eine junge Frau wacht auf und weiß nichts mehr über sich. Als einzigen Hinweis auf ihre Person findet sie ihren Ausweis mit ihrer Adresse. Szenische Näherung an das, was sie hinter ihrer Wohnungstür erwarten könnte, wie sie ihrem ihr unbekannten „Ich“ versucht auf die Spur zu kommen und sich im Alltag ohne „Ich“ zurechtfindet. Annäherung durch Mimik, Gestik-Übungen und Szenenentwicklung.
-> Auszug aus der Literaturvorlage „Corpus Delicti“ von Juli Zeh: Übungen und szenische Entwicklungen zum Themenbereich 1. Ich-Verlust, 2. Machtapparat, 3. Uniformität und Auflehnung.
Je nach Stärken der Gruppen wurden differenzierte Impulse gegeben.
Die Schreibwerkstatt: Vom Chaos zur Form
Die Schreibwerkstatt findet ausschließlich online statt. Hierbei nutzen wir u.a. CryptPad – eine nützliche, aber nicht vollständig barrierefreie Plattform. Für „Dein vollkommenes Wohl“ konnten wir aus jedem Workshop Material nutzen und daraus einen Plot formen. Ein Glücktreffer! So entstand in der Schreibwerkstatt aus ersten Ideen eine dramatische Form. In diesem Prozess finden sich einige Stolpersteine, z. B. Film-Logik, die allen präsent ist, funktioniert auf einer Bühne oft nicht; Fantasie und Realisierbarkeit müssen in Einklang gebracht werden; kümmern wir uns zu früh um die Charaktere, werden diese für die Stückentwicklung zu früh ausgestaltet und der Plot möglicherweise zu früh zu eng. Mitunter identifizieren sich an der Schreibwerkstatt Beteiligte zu früh mit diesen Charakteren, die sich im Plot dann nicht mehr weiterentwickeln können.Kreative Schüler:innen arbeiten mit Lust, gelegentlich auch mit Frust – beides gehört zum Prozess. Vieles können wir erst dann präzisieren und erarbeiten, wenn wir wissen, wer zum Kurs kommt, wie viele wir werden und wie wir zusammen in Präsenz arbeiten können. Nur so können wir erproben, welche Formen auf der Bühne funktionieren.
Der 10-tägige Kurs – intensive Theaterarbeit
In zehn Tagen, täglich von 9 bis 18 Uhr, formt sich der Plot zu einem vollständigen Stück. Zu Beginn wird eine erste spielbare Szene vorgestellt, in der alle Charaktere vorkommen – ein konkreter Startpunkt für die gemeinsame Arbeit.
Es folgt die Rollenverteilung: Wer möchte welche Rolle spielen? Wer kann welche übernehmen? Müssen Rollen gedoppelt oder angepasst werden? Braucht es zusätzliche Rollenelemente? Erst wenn die Rollen feststehen, können wir diese ausgestalten.
Dann beginnt die szenische Arbeit – Szene für Szene. Parallel entstehen Kostüme, Requisiten, Bühnenbild, Einsatz von Licht, Musik und Geräuschen. Choreografien und Performances werden geprobt, Texte oft noch spät nachts geschrieben/angepasst, Rollen vertieft, Auf- und Abgänge geübt.
Zentrale Fragen begleiten den Prozess: Wie erzählen wir die Geschichte?
Welche Bilder überzeugen? Welche Sprache brauchen wir? Mit welchen ästhetischen Mitteln wollen wir arbeiten?
Dabei sitzt uns irgendwann die Zeit im Nacken!
Auch die beiden Aufführungen, die den Abschluss des Kurses bilden werden geplant: Bestuhlung, Technik, Audiodeskription, Gebärdendolmetscher, Absprachen mit Hausmeister und Schulleitung, organisatorische Unterstützung.
Was ist das Besondere an dieser Arbeit, wenn die Jugendlichen/jungen Erwachsenen, um die es hier geht, eine Sehbeeinträchtigung haben?
Besonders macht diese Arbeit vor allem der enge Kontakt zu den jungen Menschen. Wir sind die gesamte Zeit im Dialog miteinander. So fällt es leicht, alle Bedarfe zu erkennen, auszuloten, zu besprechen, zu berücksichtigen. Für uns ist genau das Normalität.
Einiges wird zeitlich und personell eingeplant, Orientierungshilfen werden oft bewusst in die Inszenierung integriert. Bühne und Nebenräume müssen kennengelernt, Abläufe auswendig gelernt und Orientierungshilfen, wie z. B. leises Schnipsen für Wege, Ausrichtung an anderen Darsteller:innen, gezielter Lichteinsatz, taktile Hilfe am Boden, entwickelt werden. Dafür müssen wir entweder Zeit einplanen oder die Inszenierung entsprechend ausrichten.
Unvergessen ist folgender Schreckmoment: Wir führten unser Stück im Rahmen der Schultheaterwoche Schleswig-Holstein 2025 im Stadttheater Flensburg auf und hatten vorab nicht ausreichend Zeit, die Bühne kennenzulernen. So ging ein Schüler falsch ab und verlief sich im Vorhangkasten. Als Souffleuse hatte ich es als einzige gesehen und wollte gerade aufschreien (im geistigen Auge sah ich ihn in den unterirdischen Gängen des Theaters als Phantom herumirren), als er glücklicherweise den Weg zurück und den richtigen Bühnenabgang fand.
Die Bühne muss auch für Personen mit zusätzlichen motorischen Einschränkungen zugänglich sein: Brauchen wir eine Rampe? Ein Geländer? Wie sieht es mit taktilen oder akustischen Hilfen aus?
Mimik, Gestik, nonverbale Kommunikation spielt auf der Bühne eine große Rolle – sie ist aber mit Sehbeeinträchtigung nicht vollständig oder gar nicht zu sehen, und damit auch erschwert zu erlernen. Besser als in der Theaterarbeit kann die Wichtigkeit dieser Kommunikationsformen nicht vermittelt, können die feinen Elemente dieser Kommunikationsebene nirgendwo eingeübt werden.
Ein zentrales, den Jugendlichen/jungen Erwachsenen sehr wichtiges Prinzip lautet: Wir spielen als wir selbst! Keine Maskierung, kein „Behinderte spielen“ – sondern authentisch sein.
Die tatsächliche Arbeit am Stück
Abläufe, Choreographien, Performances werden entsprechend entwickelt: Ein Beispiel ist die Szene zum Hobby-Horsing: Eigentlich wäre ein dynamischer, über die Bühne galoppierender Move ideal gewesen. Doch aufgrund einiger auf dem Boden sitzender Personen war die Sturzgefahr durch die Sehbeeinträchtigungen für alle zu groß. Daher wurde die Choreografie so angepasst, dass das „Reiten“ auf einem festen Platz stattfand. So blieb die Inszenierung sicher, ohne dass die Szene an Ausdruck verliert.
Einige Jugendliche/junge Erwachsene benötigen gezielte Assistenz bzw. Hilfsmittel:
– bei zusätzlichem sonderpädagogischem Bedarf im Bereich Lernen oder Geistige Entwicklung nutzen wir Assistenzen oder Hilfsmittel beim Notieren von Ideen oder beim Textlernen.
– bei zusätzlichem Bedarf im Autismus-Spektrum wird gerne eine extra Probe zum kleinschrittigen Üben von Mimik und Gestik genutzt.
– Technische Hilfsmittel wie iPads, Laptops mit Braillezeile, TelliMero-Stifte oder Smartphones sind ein fester Bestandteil der Arbeit.
– bei z. B. epileptischen Erkrankungen werden Medikamentenrhythmus und Notfallpläne mitgedacht.
- bei motorischen Einschränkungen gehören diese selbstverständlich zum Stück.
- liegen die Stärken im gesprochenen Wort, so wird der entsprechende Dialog ausgebaut.
- um z.B. DAZ zu berücksichtigen, passen wir ggf. die Sprache des Stücks an
- Umgang mit „Null Bock“-Phasen, wenn der Moment aber gerade für etwas anderes wichtig wird?
- Pausen, gutes Essen und der sensible Umgang mit Überforderung gehören zur täglichen Routine. (Pausen einzuhalten gehört nicht zu meinen Stärken, aber zum Glück sind wir ein Team!)
Ist dieser Prozess nun besonders?
Schultheaterarbeit ist bezogen auf Menschen mit Sehbeeinträchtigung in kleinen Details, aber nicht grundlegend, anders als Schultheaterarbeit allgemein. Unsere Bedingungen am LFS unterscheiden sich natürlich von Kursen im Darstellenden Spiel und Gestalten in Schulen.
Die Theaterarbeit am LFS ist über Kreativität, Selbstwirksamkeit, Inklusion und Teamarbeit aus einer Idee über Strukturen zu einem sich stets entwickelndem Konzept geworden – halt wie Theater.