Werkstattbericht
Hamsterrat
Erarbeitung des Stückes „Hamsterrat“
Hessen wurde beim SDL von einer 10. Gymnasialklasse der Carl-Schomburg-Schule aus Kassel vertreten. Die Carl-Schomburg-Schule ist eine Kooperative Gesamtschule mit Förderstufe, an der Schüler mit 39 verschiedenen Nationalitäten von der 5.-10. Klasse unterrichtet werden. Sie liegt im Stadtteil Wesertor, einem Stadtviertel mit besonderen Herausforderungen und dem entsprechenden Schülerklientel.
Die G10A besteht zurzeit aus sieben Schülern mit deutschem Pass, von denen nicht alle deutsch als Muttersprache sprechen, und zwölf Schülern, die unter anderem aus Syrien, Pakistan, Serbien, Indonesien, Marokko, Somalia und der Ukraine kommen. Ein Schüler trägt Hörgeräte und wird in diesem Rahmen sonderpädagogisch unterstützt, zwei Schülerinnen leiden unter Panikattacken und Prüfungsangst, der Schüler, der die Musik eingespielt hat, kommt von einer Sprachheilschule und bewegt sich im Autismus Spektrum mit selektivem Mutismus.
Dennoch nehmen alle Schüler der Klasse im Jahrgang 9, wenn sie an der CSS den Gymnasialzweig besuchen, an einem fächerübergreifenden Theaterprojekt teil, da die CSS eine Schule mit besonderer Förderung der darstellenden Künste ist und dieses im Schulcurriculum verankert ist.
Erste Annäherungen
Im ersten Halbjahr der Klasse 9 hat die ganze Klasse im Ethik Unterricht „Das Tagebuch von Edward dem Hamster“ gelesen und thematische Schreibaufgaben bekommen, z.B. einen inneren Monolog zum Thema „Zusammenleben- Wie geht das überhaupt, wenn alle so unterschiedlich sind?“
Für die Erarbeitung des inneren Monologes bekamen die Schüler folgende Arbeitsanweisung:
Innerer Monolog zum Thema: Zusammenleben!?
Wähle eine Überschrift. Du kannst dir selbst eine Überschrift ausdenken, falls dir nichts einfällt, sind hier ein paar Vorschläge: Überschrift: Menschen! / Der Andere / Die Andere / Ich und die anderen…
Beachte folgende Aspekte: Was ist dir wichtig im Zusammenleben mit anderen Menschen?
Wie fühlst du dich, wenn deine Bedürfnisse nicht beachtet werden?
Wie kannst du dieser Situation entkommen oder wie löst du sie?
Was wünschst du dir für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft?
Schreibe einen zusammenhängenden, gut strukturieren Text mit einer klaren Botschaft am Ende. Der letzte Satz kann z.B. anfangen mit:
Für unser gemeinsames Zusammenleben wünsche ich mir, dass …
Erste Ergebnisse
Die Texte werden von mir abgetippt und sprachlich geglättet, um dann damit weiterzuarbeiten. Zwei der Texte, die dabei entstanden sind, waren folgende:
Meine Perspektive
Wenn meine Bedürfnisse nicht beachtet werden, fühle ich mich vernachlässigt. Auch ein wenig enttäuscht. Ich finde das nicht in Ordnung, weil ich die Bedürfnisse der anderen doch auch beachte, also ist es doch nur fair, wenn sie das auch erwidern. Das hat auch etwas mit Respekt zu tun. Wäre im Prinzip das Mindeste, was man erwarten könnte. Finde es dann immer total bescheuert, wenn Menschen rumschreien: Hab mal Respekt! Oder: Du musst vor älteren Menschen mehr Respekt haben!
Von wegen Lebenserfahrung und so… Meistens sind es aber genau diese Personen, die respektlos anderen gegenüber sind. Wie kann man da ernsthaft erwarten, selber respektiert zu werden und Respekt einzufordern? So wie man gerne von den anderen behandelt werden möchte, so sollte man sie auch behandeln. Und ich würde mal behaupten: Niemand wird gerne angeschrien oder dumm angemacht. Ich bin mir auch nicht sicher, wie man einer solchen Situation entkommt. Vielleicht einfach ansprechen und je nach dem, wie die Person reagiert, versuchen, damit umzugehen. Kann ja sein dass es ein Missverständnis war. Dann ist es gut, wenn es sich aufklärt.
Für ein besseres Zusammenleben in der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Toleranz. Aber nicht dieses: Ja…ja…sorry! Sondern halt ernsthaft.Ist nämlich ziemlich einfach, etwas zu sagen. Ob man es dann aber wirklich durchzieht- darauf kommt es an! Ich meine, man sollte wenigstens von Anfang an ehrlich sein. Wenn man schon nicht tolerant sein kann, dann wenigstens nicht so tun, als sei man tolerant. Bringt dann auch nichts. Das gilt übrigens generell für Vorsätze: Die bringen nichts, wenn man sie nicht ernst meint.
Das Leben der Menschen
Wie leben Menschen, um die Menschheit zu schützen? Eine einfache Frage, die schwer zu beantworten ist. Vielmehr: Die Antwort ist nicht schwer, aber danach zu leben ist schwer. Denn jeder muss etwas dafür tun, damit wir alle in Frieden leben können. Frieden fängt immer bei uns selbst an.
Was passiert aber, wenn der andere dich nicht in Ruhe lässt? Wenn deine Bedürfnisse nicht beachtet werden oder du dich vernachlässigt fühlst? Ich raste nicht gleich aus, weil ich die andere Person respektiere, obwohl mich ihr Verhalten verletzt. Meistens gehe ich solchen Situationen aus dem Weg. Aber was ist, wenn meine Meinung und meine Bedürfnisse die andere Person verletzen? Ich möchte niemanden verletzen und ich möchte alle Menschen respektieren und ihre Meinung tolerieren– deshalb schweige ich dann meistens. Aber ist das richtig? Wenn die Menschen schweigen, die respektvoll und tolerant leben wollen?
Das kann ich nicht beantworten, aber ich weiß eines: Wenn alle Menschen einander respektvoll und tolerant begegnen, dann würde es keinen Krieg mehr geben. Einfach mal ruhig bleiben, nicht zurückschlagen oder sich entschuldigen, wenn man etwas falsch gemacht hat, macht niemanden klein.
Für ein gutes Zusammenleben müssen wir unser Ego wegpacken und auch an andere Menschen denken. Nur so können wir gut zusammenleben.
Probenversuche
Neun Schüler der Klasse hatten sich im Bereich WPU in Darstellendes Spiel eingewählt und im ersten Halbjahr einen roten Faden (die Mitspieler auf den Kisten, als Symbol für die Gitterstäbe der Gesellschaft etc.) für eine theatrale Umsetzung des Buches erarbeitet. In dieser Zeit hatten die Schüler, die kein DS wählen wollte, EDV-Unterricht. Sie wussten aber schon, dass im zweiten Halbjahr die Umsetzung des Stückes von der ganzen Klasse präsentiert wird. Da die Gymnasialklasse in Klasse 7 schon ein Tanztheaterprojekt mit einer Intensivklasse durchgeführt hatte, das auch im Schulcurriculum verankert ist, wussten sie, dass letztendlich doch fast alle auf der Bühne landen. Im Ethik Unterricht bestand der „schriftliche“ Teil der Halbjahresnote dann auch aus der Szenischen Umsetzung der im Unterricht entstandenen Texte.
Die oben dargestellten Texte wurden beispielsweise folgendermaßen umgesetzt:
Die Spieler gehen nach einem Rhythmus, der von einigen Spielern vorgegeben wird, im Raum herum. Sie bleiben immer wieder abrupt stehen:
S1: Wie geht das denn? Zusammenleben?
S2: Fürs Zusammenleben wollen wir unsere Freiheit nicht einschränken!
Alle: Das ist einfacher gesagt als getan.
S2: Ja…ja…sorry!
S3: Wir müssten unser Ego manchmal wegpacken.
Alle: Das ist einfacher gesagt als getan.
S3: Ja…ja…sorry!
S4: Ich höre einfach weg.
Alle: Das ist einfacher gesagt als getan.
S4: Ja…ja…sorry!
S5: Ich halte mich von manchen Personen fern…
S6: …und gehe ihnen aus dem Weg.
Alle: Das ist einfacher gesagt als getan.
S5 & S6: Ja…ja…sorry!
S7: Ich nehme die anderen nicht so ernst!
Alle: Nimm dich selbst nicht so ernst!
S7: Das ist einfacher gesagt als getan.
Alle: Jaja, sorry!
S8: Man muss sich nicht lieben.
S9: Man muss sich aber auch nicht hassen.
Alle: Das ist einfacher gesagt als getan.
S8 & S9: Ja…ja…sorry!
Chor: Zusammenleben ist schwierig. Wir müssen mit Emotionen umgehen.
S1, S2 & S3 : Trauer, Wut, Verrat, Liebe…. Hass. Und zwar jeder von uns, egal wie intelligent oder einfältig er ist.
Edward: Sie merken nicht, wenn sie jemanden unter Druck setzen. Ich muss mir das klarmachen. Ich muss weggehen. Aber wohin.
Die Umsetzung
Diese Idee und die weiteren Umsetzungen wurden dann so zusammengestellt, dass das Thema von Edward, dem Hamster, so nachvollziehbar wird, dass auch die Haupt- und Realschüler der CSS das Stück nachvollziehen können, denn präsentiert wird immer vor Schulklassen und nie vor Eltern, da Eltern in der CSS üblicherweise nicht zu Aufführungen erscheinen. Daher arbeiten wir thematisch immer so, dass zuschauende Schüler vorab mit ihren Lehrern über das Thema sprechen und es nachher mit den Spielern reflektieren. Deshalb sind die Stücke immer ca. 25 Minuten lang und behandeln oft Themen, die unsere Schüler betreffen. In diesem Fall also: Wie können wir gut zusammenleben, obwohl wir so verschieden sind?
Die besondere Herausforderung bestand in der Arbeit in der hohen Fluktuation der Schüler. Eine Schülerin kam nach den Sommerferien zunächst nicht aus Syrien zurück, dafür kam drei Wochen vor dem SDL ein Mädchen aus Indonesien zu uns, die spontan für eine stumme Rolle und die Gruppenszenen eingesetzt wurde, um nur einige Wechsel zu nennen, mit denen wir zu kämpfen hatten.
Außerdem arbeiten wir mit Schülern, die oft noch kleine Geschwister versorgen oder als Übersetzer für ihre Familien unterwegs sind. Sie kommen häufig zu spät oder gar nicht, lernen ihre Texte erst am Tag der Aufführung und haben zunächst gar keine Vorstellung, was es heißt, Teil einer Spielgruppe zu sein. Wir müssen also bei jeder Aufführung spontan Rollen neu verteilen können, daher müssen die Texte sehr kurz sein. Die Stücke, die an der CSS entstehen, leben von Gruppenszenen, Bildern und musikalischen Einspielern, die das Thema transportieren.
Im Fall der G10A sind zufälligerweise beide Klassenlehrer im Bereich der ästhetischen Bildung eingesetzt, der eine ist Fachbereichsleitung in Musik und ich bin die Fachbereichsleitung in DS. Das hat sicher dazu beigetragen, dass die Gruppe mit großer Ernsthaftigkeit gearbeitet hat und sich auch vieles getraut hat, was sonst an der CSS nicht möglich ist, z.B. der Gesang.