Fokus 2025 - Vielfalt

Diskriminierung

Welten

Eigenproduktion der Friedrich-Engels-Gymnasium, Brandenburg

Wie junge Menschen ihre Gedanken und Gefühle in Szene setzen können, zeigt die Brandenburger Schultheaterproduktion Welten auf eindrückliche Weise. In lose aneinander gereihten Bildern erzählen die Spieler:innen von inneren Kämpfen, Hoffnungen und der Suche nach der eigenen Identität. Das Stück spannt einen weiten thematischen Bogen von Ausgrenzung und Einsamkeit über Monotonie und bleibt dabei stets nah an der Lebenswelt junger Menschen. Für jedes Bild findet die Gruppe eine klare Bildsprache.

Beispielhaft ist etwa jene Szene, in der die Mechanismen von Mobbing gegenüber Anderen sichtbar gemacht werden: Eine Spielerin steht im Zentrum, während sechs weitere sie kreisförmig umgeben. Beobachtende Blicke, Gerüchte und abwertende Kommentare verdichten sich zu einem beklemmenden Alle gegen eine. In einem berührenden Moment beginnt die Spielerin in ihrer Muttersprache zu sprechen, zunächst unverstanden, bis eine andere Spielerin übersetzt: Als ich alleine die letzte Einsamkeit überstand. Ab- und Ausgrenzung aufgrund der kulturellen Herkunft werden hier auf eindringliche Weise emotional mitfühlbar?? erfahrbar.

Auch choreografisch findet das Stück starke Ausdrucksformen. In einer Szene zur Tristesse und Monotonie des Alltags erscheint eine visionäre Königin mit bunter Perücke, hinter ihr eine Gefolgschaft in beigen Kostümen. Gleichförmige Bewegungen, ein monotoner Rhythmus und die ausdrucksarme Sprache vermitteln das Gefühl des ewig Immergleichen.

Besonders wirkungsvoll ist auch die Arbeit mit Brüchen. So kommt ein Spieler hüpfend auf die Bühne und singt Alle meine Entchen. Im nächsten Moment taucht die Bühne in dunkles blaues Licht, Sirenen heulen, Schreie und Schüsse sind zu hören. Wenn sich die Gruppe schließlich zu einem schützenden Pulk formiert und chorisch spricht: Wenn bloß die Dunkelheit nicht wäre, ich will schreien und kann es nicht, wird die Belastung von Kriegserfahrungen spürbar. Der erneute Einsatz des Kinderliedes macht deutlich, dass es Kinder gibt, die eine unbeschwerte Kindheit erleben – und andere nicht.

Die Texte der Präsentation sind häufig poetisch verdichtet, etwa in Bildern wie Es ist, als ob eine Spinne das Netz immer fester um mein Herz webt, grausam und kalt.
Immer wieder geht es um das fehlende menschliche Miteinander, um die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und das schmerzhafte Scheitern daran. Der Grundton des Stückes bleibt über weite Teile suchend, fragend, von einer gewissen Schwere durchzogen.

Ein deutlicher Stimmungswechsel vollzieht sich erst gegen Ende und wird zunächst durch die bunten T-Shirts der Spieler:innen angezeigt. Ohne Sprache, getragen von einem lebendigen Techno-Beat, zeigen die Spieler:innen pantomimisch, was ihnen Freude bereitet: Sport, gemeinsames Spielen, Tanzen, Singen. In einer dynamischen Choreografie, die an zeitgenössische Social-Media-Tanzformen erinnert, wird eine unbeschwerte Seite des Heranwachsens sichtbar. Das Publikum lässt sich anstecken und klatscht beschwingt mit – hier wird gegen die Schwere angetanzt.

Das Stück arbeitet insgesamt mit sehr einfachen Mitteln. Eine Leinwand und nur wenige Requisiten genügen, um durch wechselnde Lichtstimmungen den Übergang in andere Welten anzudeuten. Die Texte sind berührend und authentisch. Allerdings wirkt die Darstellung insgesamt sehr schwer – möglicherweise aber genau so, wie sich diese Themen für die jungen Spielenden anfühlen und wie sie sie bewusst erzählen wollen. Die große Nähe zu den eigenen Erfahrungen erzeugt eine starke Emotionalität und Unmittelbarkeit, verengt die Wirkung jedoch stellenweise auf eine einzige emotionale Ebene. Hier hätte ich mir für die Spieler:innen stellenweise eine größere formale Distanz gewünscht, die ihnen mehr Souveränität – und weniger reine Betroffenheit – im Umgang mit den schweren Inhalten ermöglicht. Nichtsdestotrotz überzeugt die Brandenburger Produktion als eindrucksvolle Szenencollage, die die Gefühls- und Erfahrungswelten junger Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Countdown

Eigenproduktion des Geschwister-Scholl-Gymnasium, Sachsen-Anhalt

Die Theatergruppe des Geschwister-Scholl-Gymnasiums aus Sachsen-Anhalt widmet sich Themen, die aktueller kaum sein könnten: Ausgrenzung, Stereotype und Vorurteile, Hass, Bodyshaming, religiöse Vielfalt, Homo- und Transphobie, Rassismus sowie feministische Fragestellungen. Es sind Themen, die die Gruppe sichtbar beschäftigen – und die sie mit großer Ernsthaftigkeit und künstlerischem Mut auf die Bühne bringt.

Dieser Mut zeigt sich bereits im als Arenabühne gestaltete Bühnenkonzept. In der Mitte befindet sich ein mit Klebeband markierter Kreis mit einem Mikrofon, von dem aus zwölf Linien strahlenförmig nach außen führen und den Raum wie ein Uhrzifferblatt in klare Sektoren teilen. Auf dem Bühnenboden sind durchsichtige Plastikboxen verteilt – ein zentrales Symbol des Abends. Sie stehen für gesellschaftliche Einordnungen, für Zuschreibungen und ein Denken in Schubladen: dafür, was als normal gilt und was nicht.

Strukturell folgt das Stück einem streng getakteten Rhythmus, der auch die Dramaturgie bestimmt. Spielhandlungen und Bewegungssequenzen wechseln einander ab. Passend zum Titel zählen die Spieler:innen einen Countdown von zwölf herunter. Jede Zahl steht dabei für eine in sich geschlossene szenische Aktion, verbunden durch kurze Zwischenspiele. Wie auf ein Zeichen hin bewegen sich die Spieler*innen zwischen den Sektoren. Das monotone Ticken, dasdiese Übergänge begleitet, erzeugt eine mechanische, fast bedrohliche Atmosphäre.

Formal überzeugt das Stück durch eine konsequente Arbeit mit Stilisierung und Verfremdung. Dazu gehört neben dem Einsatz von Musik auch die Arbeit mit Neutralmasken und weißer Kleidung. Sie markieren eine anonyme Masse, hinter der sich Hass und Hetze verbergen können. Besonders eindrücklich wird dies in Szenen, in denen rassistische oder menschenfeindliche Beleidigungen laut werden, ohne dass sich die Sprecher:innen als Individuen zu erkennen geben – eine deutliche Anspielung auf die Dynamiken sozialer Medien.

Inhaltlich verdichtet sich das Stück in persönlichen Erzählungen am Mikrofon. Besonders berührend ist der Moment, in dem eine Schülerin von ihren eigenen Ausgrenzungserfahrungen erzählt: davon, wegen ihrer Hautfarbe keine Freundinnen zu haben, von Sprüchen, die sich tief unter die Haut tätowiert haben. Sätze wie Ich hasse mich oder Ich werde nie genug sein machen die innere Verletzung greifbar. Bezeichnend ist jener Moment, wenn aus dem Ich ein Wir wird: Wir passen in keine Box. Wir müssen niemandem beweisen, wer wir sind. Dieses Wir lässt sich dabei doppelt lesen: Einerseits bezieht es sich auf die Spielgruppe selbst, die sich gegen gesellschaftliche Einordnungen zur Wehr setzt. Andererseits steht es für Menschen mit Migrationserfahrungen, die sich – allein aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds – gegenüber der weißen Mehrheitsgesellschaft immer wieder behaupten müssen.

Auch choreografisch findet das Thema eindrückliche Bilder. In Bewegungssequenzen formiert sich ein geschlossener Pulk, der auf eine einzelne Person zugeht, sie umzingelt und bedrängt, selbst dann noch, wenn sie bereits am Boden liegt. Die körperliche Überlegenheit der Masse wird hier ebenso sichtbar wie die Ausweglosigkeit des Individuums. Das Stück scheut auch nicht davor zurück, psychische Krisenzustände zu thematisieren. In einer düsteren, bedrückenden Szene sprechen die Spieler:innen von dem Gefühl, krank zu sein, davon, dass irgendetwas nicht stimmt, dass alles zu laut ist. Monoton-rhythmische Bewegungen, das Zuhalten der Ohren und eine bedrohliche Klangkulisse lassen die Ausweglosigkeit dieses Zustands körperlich spürbar werden. Eine weitere wirkmächtige Szene zeigt die Spielenden mit Zeitungen in den Händen. Sie laufen durch den Raum und lesen Namen und Daten von Frauen vor, die Opfer von Femiziden geworden sind. Die nüchterne, monotone Aufzählung entfaltet gerade durch ihre Wiederholung eine große Wucht und macht das erschreckende Ausmaß dieser Gewalt deutlich.

Musikalisch setzt die Inszenierung immer wieder starke Akzente. Besonders hervorzuheben ist eine Gesangseinlage mit Balladencharakter, deren extrem hohe, verzerrte Stimmlage einen deutlichen Verfremdungseffekt erzeugt. ??? Musik und Text werden bewusst gegeneinander gestellt. Gegen Ende legen die Spieler:innen die Masken ab, wodurch sie nahbarer werden – nicht zuletzt dadurch, dass sie sich direkt an das Publikum wenden und hoffnungsvolle Sätze sprechen wie Du bist nicht allein, Nicht alle Männer… Lass dich nicht verändern.

Schließlich wird die strenge Form und Taktung des Abends gänzlich aufgebrochen: Die Spieler:innen setzen sich auf Hocker vor das Publikum, treten in einen direkten Dialog und schaffen eine echte Gesprächsatmosphäre – ein buchstäbliches thinking and speaking outside the box.

Das Stück endet nicht mit einem einfachen Happy End, sondern mit einem mutmachenden Ausblick: Ein gesellschaftliches Miteinander, so zeigt diese Inszenierung, ist (noch) möglich, wenn aller bereit sind, zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen. Zugleich fordert die Inszenierung ihr Publikum an vielen Stellen heraus, da sie weder stringent erzählt noch auf Eindeutigkeit setzt. Zurücklehnen und bloß genießen ist hier nicht möglich. Das hätte Brecht gefallen.

More than a Box

Eigenproduktion des Albrecht-Dürer-Gymnasium Berlin basierend auf dem Film Barbie 

Auch in einer weiteren SDL-Produktion steht die kritische Auseinandersetzung mit Schubladendenken im Mittelpunkt. Bereits der programmatische Titel More than a box der Berliner Inszenierung verweist darauf, dass hier normative Kategorisierungen hinterfragt werden. Zu Beginn allerdings werden diese bewusst ausgestellt, indem gängige Rollenklischees auf die Bühne gebracht werden: Mädchen spielen mit Puppen, geben sich leise und fürsorglich, Jungen kämpfen, bauen mit Bauklötzen und sind laut. Die Szene wirkt bewusst überzeichnet bis gleich einer Erlöserfigur Barbie auf der Leinwand erscheint, begleitet von opulentem Soundtrack. Dieser spektakuläre Auftritt zwingt die männlichen Geschöpfe buchstäblich in die Knie. Plötzlich gilt: Alle sind Barbie und Barbie ist alles.

Was folgt, ist eine energiegeladene Catwalk-Sequenz. Abwechselnd schreiten die Schüler:innen Richtung Publikum, posieren lässig, während am Mikrofon aufgezählt wird, was eine echte Barbie ausmacht: selbstbestimmt, selbstbewusst, alles sein können. Der Kampf gegen das Patriarchat scheint gewonnen, Gleichberechtigung selbstverständlich.

All dies lässt sich bereits als Zitat auf Greta Gerwigs Film „Barbie“ verstehen, dessen satirisch-ironischer Ton hier deutlich anklingt und die gesamte Inszenierung durchzieht. Wie im Film wird auch hier auf kritisch-humorvolle Weise mit Klischees gespielt, beispielsweise indem Muskelspiele tradierte Männlichkeitsbilder persiflieren, denn: Wer ein richtiger
Mann sein will, macht Liegestütze. Die weiblichen Darstellerinnen kontern mit einer kraftvollen Choreografie zu einem discolastigen Pop-Song (aus dem Barbie-Soundtrack); es entwickelt sich ein Tanzbattle, in dem sich die Gruppen zunehmend mischen.

Die Spielfreude ist ansteckend; das Publikum wird Teil eines Abends, der Humor und Haltung verbindet. Dieser Balanceakt zwischen Humor und ernsthaftem Spiel gelingt auch in jener Szene, in der unterschiedliche Barbies und Kens auftreten, so beispielsweise die schlaue Barbie, der Pumper-Ken, ein homosexueller Ken, eine Hidschab-Barbie. Unterlegt mit treibendem Beat entsteht ein Panorama gesellschaftlicher Diversität. Niemand muss sich verstecken; jede:r darf so sein, wie er, sie oder they sich fühlt. Die Bühne wird zum Sinnbild einer heterogenen Schulklasse – und darüber hinaus einer pluralen Gesellschaft.

Ein besonders wirkungsvoller Moment ist auch der inszenierte Privilegien-Contest. In einer Reihe aufgestellt, treten die Spieler:innen bei jeder Aussage, die nicht auf sie zutrifft, einen Schritt nach vorn: Mein Name wird immer richtig ausgesprochen, Ich werde nie gemobbt, Meine Sexualität spielt keine Rolle. Am Ende steht der reiche Ken mit deutlichem Vorsprung vorne, ausgestattet mit einer Vielzahl an Privilegien. Ohne moralischen Zeigefinger, aber mit klarer Botschaft, wird strukturelle Ungleichheit sichtbar gemacht.

Die Frage Was bedeutet es, ein Mann zu sein?
beantwortet das Ensemble mit einem selbstgeschriebenen Song im Karaoke-Stil. Die ironisch gebrochenen Textzeilen Schmeiß den Haushalt und sei glücklich oder Du bist ein Objekt, akzeptier das legen konservative Rollenbilder offen.

Bemerkenswert sind auch jene Momente, in denen die Jugendlichen direkt aus ihrer Lebenswelt sprechen. So bemerken die männlichen Darsteller, dass sie sich nicht in die Schublade toxische Männlichkeit
stecken lassen wollen, sondern sich als Allies verstehen. So wird deutlich, dass auch junge Männer mit Zuschreibungen ringen. Wenn schließlich I’m Just Ken anklingt – eine augenzwinkernde Referenz auf Ryan Goslings Song aus dem Film – verbindet sich Popkultur mit Selbstpositionierung.

More than a box zeigt Schultheater als Sprachrohr einer jungen Generation, die Haltung zeigt und gesellschaftlich mitgestalten will. Gewiss bewegen sich die Botschaften in einem erwartbaren Rahmen eines aufgeklärten Theaterpublikums. Den 22 Schüler:innen gelingt es jedoch, ihrem Anliegen spürbare Dringlichkeit zu verleihen und damit zu überzeugen. Die Inszenierung ist unterhaltsam, beschwingt durch ihre Songs und chorischen Bewegungsformationen, zugleich berührend und politisch klar: ein Plädoyer für Diversität, gegen Binarität und Engstirnigkeit, für eine offene demokratische Gesellschaft. Am Ende wird noch einmal getanzt – lebensfroh, gemeinschaftlich, hoffnungsvoll. Junges, politisches Schultheater, das nicht resigniert, sondern Energie freisetzt und daran erinnert, dass wir mehr sind als die Schubladen, in die man uns steckt.

Inhaltsverzeichnis

Fokus 2025 - Vielfalt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock im Studiengang Lehramt Theater, Studiengangsleiterin des Weiterbildungsmasters „Theater unterrichten“

ina.driemel@hmt-rostock.de

Redaktionsleitung

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Hannover