Fokus 2025 - Vielfalt

Gesellschaftskritische und lebensweltbezogene Adaptionen von klassischen Dramen

Jason und die Astronauten

Berufliches Gymnasium des BSZ für Elektrotechnik Dresden, Sachsen

Eine wiederkehrende Grundlage von Produktionen auf dem SDL sind antike Dramen. Entsprechende Adaptionen waren in Braunschweig und Wolfenbüttel in drei Produktionen zu sehen. Eine hiervon war der Beitrag aus Sachsen vom Beruflichen Gymnasium des BSZ für Elektrotechnik aus Dresden. Die Spielgruppe – bestehend aus ausschließlich männlich gelesenen Personen – hat sich zur Aufgabe vorgenommen, die Geschichte von Jason und den Argonauten aus der griechischen Mythologie rund um Medea zu erzählen. Die Argonautensage, die Suche nach dem Goldenen Vlies, die Fahrt ins Ungewisse, Motive von Aufbruch, Mut und existenzieller Bewährung. Die junge Theatergruppe nimmt uns mit auf dieses Abenteuer, das für den einen oder anderen Zuschauenden gelegentlich zur Irrfahrt gerät.

Der Abend beginnt mit einem Paukenschlag. Zu Techno-Sound (DJ Braazuka, „Underground Shouse“) betreten die Spieler in Muskel-Shirts die Bühne, präsentieren sich in überzeichneten Posen, lassen ihre Körper sprechen. Männlichkeit wird hier als Attitüde ausgestellt: kraftvoll, raumgreifend, selbstverliebt. Eine Live-Kamera projiziert die Posen auf eine große Leinwand, das Publikum applaudiert frenetisch.

Dann der Bruch: Sphärische Klänge; die Spieler ziehen sich Reifröcke über, die am Bühnenrand bereitliegen. Die zuvor hart inszenierte Körperlichkeit löst sich in eine fließende Choreografie auf. Tiermasken werden aufgesetzt, ein chorischer Sprechtext erklärt das Goldene Vlies als Fell des Chrysomallos, als Symbol menschlicher Urkraft. Gar so, als wären die Spieler selbst nur Figuren in einem übergeordneten Spiel, folgen marionettenhafte Bewegungen. Die Kostüme verstärken diesen Eindruck der Maskerade und des Künstlichen. Tiermasken, Reifröcke, bewusst gesetzte Stilisierungen deuten hier die Sagen-Spielebene an. Doch kaum hat sich diese Ebene etabliert, erfolgt der nächste Bruch: „So, das reicht für heute.“

Plötzlich befinden wir uns in einer Theaterprobe oder vielmehr an deren Ende. Es wird durchgezählt, wer eigentlich da ist, Röcke werden ausgezogen, Hemden angezogen. Eine überzeichnete Theaterlehrkraft kommentiert, lobt, tadelt und plötzlich taucht die Frage auf: Was eigentlich das Goldene Vlies sei und welche Bedeutung es für die Spieler habe? Schließlich wird das Publikum – in einem kindlich-naiven Sprachduktus – über die Argonauten-Sage aufgeklärt. Gleichzeitig wird das Gesagte visuell unterstützt; im Hintergrund werden Szenen und Figuren bebildert, sodass die Erklärung der Mythologie durch Projektionen veranschaulicht wird. Der Wechsel der Spielebenen, die Arbeit mit Brüchen sowie die Spielhaltung – eine Mischung aus Aufklärung und Parodie – ziehen sich durch die Inszenierung.

Ein weiterer Umgang mit dem Stoff besteht auch darin, die Medea-Figur auszulassen. Zwar wird sie thematisiert, denn Paula, die sie spielen soll, hat verschlafen, doch sie tritt nicht als handelnde Figur in Erscheinung, lediglich als Videoprojektion. Auch gibt es eine kurze chorische Sequenz, in der ihre Rolle im Mythos erläutert wird. Diese Setzung mag bei jenen, die mit dem Stoff vertraut sind, Irritation oder Kritik hervorrufen – schließlich ist Medea nicht lediglich eine Nebenfigur, sondern die entscheidende Ermöglicherin der gesamten Unternehmung.

Die Geschichte von Jason wird im Laufe der Inszenierung immer wieder aufgenommen, beispielsweise tritt an einer Stelle Cheiron, der Mentor Jasons, als Figur auf – äußerlich mit langen Haaren und Bart inszeniert. Diese Maskerade und auch der messiashafte Ton, in dem die Figur Ratschläge verteilt, wirken überzeichnet. Und auch die Figur des Argos erhält einen kurzen Auftritt als überzeichnete Proll-Gestalt. Diese Sagen-Spielebene wird immer wieder abrupt unterbrochen. Ein klingelndes Handy, ein Anruf von „Mutti“, die Rückkehr in die Probensituation. Diese (Unter-)Brechungen muten durchaus humorvoll an, doch sie verhindern zugleich, den Stoff wirklich zur Diskussion zu stellen. So schwankt die Inszenierung zwischen Ironisierung, Parodie und Ernst. Es entsteht der Eindruck einer fortwährenden Distanzierung vom Material – warum dieses dann aber gewählt wurde, bleibt unklar. Durchaus gelungen sind die visuellen Mittel. Licht, Nebel, Projektionen schaffen eindrucksvolle Atmosphären. In rotes Licht getauchte Szenen, Stirnlampen als Lichtquellen, dunkle, animierte Gestalten auf der Leinwand – Bilder, die an epische Fantasy-Welten erinnern, erzeugen dichte Momente. Die Live-Kamera erweitert den Bühnenraum und verleiht manchen Szenen eine eigene Ästhetik. Besonders überzeugend sind auch die biografischen Einschübe. Wenn Stimmen aus dem Off von Träumen, Hoffnungen und Lebensentwürfen sprechen, wenn gefragt wird, was das Goldene Vlies für jeden Einzelnen bedeutet, gewinnt der Abend an Tiefe. Hier entsteht punktuell ein ernst gemeinter Dialog zwischen Mythos und Gegenwart. Die Frage Wovon soll man heute noch träumen? wird greifbar. Auch der vorsichtige Aktualitätsbezug – etwa der Hinweis auf politische Kräfte wie die AfD, die mit scheinbar einfachen Lösungen werben, zeigt, dass die Spieler gesellschaftliche Entwicklungen reflektieren. In solchen Momenten wird deutlich, warum dieser Stoff heute erzählt werden könnte.

Jason und die Astronauten ist eine Präsentation voller Energie, Bilderreichtum und mutiger Brüche. Die Spieler zeigen Präsenz, Humor und Bereitschaft, Persönliches preiszugeben. Atmosphärisch überzeugt die Inszenierung in vielen Momenten. Der Mythos wird vor allem ironisiert und zerlegt. Insgesamt bleibt offen, ob der Zugriff auf den Stoff, die Überspitzung und die gewählten Gestaltungsmittel auf Reflexion und gesellschaftskritische Akzente setzen oder in erster Linie auf das Vergnügen des Publikums zielen.

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Fotos: Madeleine Franke

Amphitryon

Ensemble ARTIG, Marienschule Münster, Nordrhein-Westfalen

Während die Dresdner Jason-Adaption durch ein Feuerwerk an Gestaltungsansätzen eine Aufführung verschiedenster Szenenkonzepte zeigte, wählte die nordrhein-westfälische Spielgruppe über chorische Spielweisen einen konzeptuell akzentuierten Zugriff auf die gewählte Vorlage. Auch hier dient ein klassischer Stoff als Folie für gegenwärtige Fragen – doch anstelle eines politischen Diskurses rückt die Produktion das Individuum ins Zentrum einer Chormasse ausschließlich weiblich gelesener Personen: Was passiert mit dem eigenen Ich, wenn Gewissheiten in postdigitalen Zeiten maschinelles Lernen, Large Language Models und künstliche Intelligenz gegenüberstehen und brüchig werden? Was passiert mit dem eigenen Ich, wenn Identität nicht mehr eindeutig, sondern kopierbar, manipulierbar, ersetzbar, übermäßig wichtig und gleichzeitig wertlos scheint?

Ausgangspunkt für die Arbeit der Spielgruppe ist Heinrich von Kleists Komödie nach Molière und Plautus: Während der Feldherr Amphitryon im Krieg weilt, nimmt der Gott Jupiter dessen Gestalt an, um seine Frau Alkmene zu verführen, während Merkur sich als der Diener Sosias ausgibt. Die daraus entstehenden Doppelgängersituationen führen zu immer größeren Verwirrungen: Sosias wird von seinem Ebenbild verleugnet, Amphitryon zweifelt an sich selbst und an der Wahrheit seiner Erfahrungen und Alkmene gerät trotz ihrer Unschuld in einen schmerzhaften Konflikt zwischen Liebe, Treue und Gewissheit. Was als Verwechslungskomödie beginnt, entwickelt sich bei Kleist zu einem ernsthaften, philosophischen Spiel über Identität und Selbstbewusstsein, in dem die Götter als mächtige, aber gleichgültige Instanzen erscheinen und am Ende zwar Ordnung geschaffen wird, die menschlichen Figuren jedoch tief verunsichert zurückbleiben. Diese Narration von Verwechslung, Verdopplung und der Verlust von Selbstgewissheit bezieht die Gruppe – zumindest implizit – auf die eigene Auseinandersetzung mit der Renaissance von und den Hype um Künstliche Intelligenz.

Der Bühnenraum ist dabei ein weißes Blatt im wahrsten Sinne des Wortes: Weißer Tanzboden auf der sonst schwarzen Bühne, eingerahmt von einem weißen Podesterie-U, das an einen Laufsteg erinnert. Dahinter eine riesige weiße Operafolie, auf der zunächst KI-generierte Gesichter der Spielgruppe, später KI-generierte Repräsentationen der Residenz von Amphitryon gezeigt werden. Als Kostüm fungiert ecru- und weißfarbige Kleidung, Figuren und deren Doppelgänger:innen wird durch verschiedene Tragweisen rote und blaue Caps respektive Püschel markiert. Die Rollen sind dabei weniger fest besetzt als stets wechselnd zwischen Chören der Spielerinnen. Dialoge werden durch sich stets verändernde Chorgruppierungen zu einer Textfläche. Einzelne lösen sich in Gruppenbildern auf und ziehen wieder Andere an, bis neue Chöre entstanden sind. Gesten und Haltungen werden übernommen, wiederholt, gespiegelt. Identität erscheint nicht stabil, sondern performativ – als etwas, das immer wieder neu hergestellt wird. Es entstehen Momente der Vervielfachung, Inklusion, Exklusion, der Vergrößerung und Verkleinerung. Körper erscheinen doppelt, zeitversetzt oder als Schatten ihrer selbst. Und auch die Rezeption wird unsicher – wer ist hier Original, wer Kopie?

Hervorzuheben ist dabei die präzise Sprecharbeit und Körperlichkeit der Spielenden. Auch wenn die Spielenden in ihrer Rolle je individuell zu handeln scheinen und in diesem Sinne einen uneinheitlichen Mehr-Körper-Chor bilden, wirken Sprechhaltungen, Bewegungen, Körperhaltungen, Gesten und Mimiken stets bewusst gesetzt und in einem klaren Verhältnis zu den anderen Chormitgliedern. Die spielerische Dynamik, die über dieses strenge Spielprinzip erzeugt wird, trägt die Spielenden über die – für SDL-Verhältnisse – überdurchschnittlich lange Aufführung. Es ist die präzise Arbeit als Gruppe an den verschiedenen beeindruckend exakten Chören, basierend ausschließlich auf (gekürztem) Originaltext, die diese Schultheaterinszenierung herausstechen lässt.

In Bezug auf das Fokusthema Vielfalt eröffnet Amphitryon eine eher implizite Perspektive. Diversität zeigt sich hier weniger in expliziten Diskursen oder in der Zusammensetzung der Gruppe als im Nachdenken über Identität selbst: Wer darf ich sein? Wie viele Versionen von mir existieren? Und wer bestimmt darüber, welche als echt gilt? In welchem Verhältnis stehen mein Ich und meine Individualität zu meiner digitalen Likeness. Die Inszenierung versteht Vielfalt nicht als additive Sammlung unterschiedlicher Perspektiven, sondern als grundlegende Instabilität des Selbst – so könnte man ihr zumindest unterstellen. Statt den Mythos zu aktualisieren oder mit aktuellen Schlagworten zu überformen, vertraut die Spielgruppe auf die produktive Reibung zwischen Vorlage und Gegenwart. Die formal-konzeptuelle Klarheit und das konzentrierte Spiel schaffen eine durchdacht anmutende Theateraufführung, die weniger auf Effekt als auf Wahrnehmung setzt.

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Fotos: Madeleine Franke
Inhaltsverzeichnis

Fokus 2025 - Vielfalt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock im Studiengang Lehramt Theater, Studiengangsleiterin des Weiterbildungsmasters „Theater unterrichten“

ina.driemel@hmt-rostock.de

Redaktionsleitung

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Hannover