Fokus 2025 - Vielfalt

Identitätsfindung

Funken

Evangelisches Ratsgymnasium Erfurt, Thüringen

Einer der Zugänge zu Vielfalt ist eine Perspektive, die das Thema sozusagen von innen heraus, vom Individuum ausgehend, betrachtet. Wer bin ich selbst? Welchen Teil von Vielfalt stelle ich dar? Wo ist mein Platz in der Diversität einer Gesellschaft? Dieser Blick auf das Thema ist oft im Schultheater zu finden. Kein Wunder, vor allem wenn Schultheater ernsthaft die Themen von Jugendlichen aufgreift, die sich ganz natürlich in diese Fragen hinein entwickeln. Vier Stücke, die auf dem SDL gezeigt wurden, boten Anschauungsmaterial zu diesem Themenkomplex..

Als Adaption eines antiken Stoffes an anderer Stelle dieser Rezensionen beschrieben, setzt sich Amphitryon
in der auf dem SDL gezeigten Fassung mit der Frage nach dem Wer bin ich? so auseinander, wie sie bei Kleist vorgedacht ist. Lediglich Videoprojektionen zu Beginn und Ende des Stücks verweisen auf eine Relevanz im Bezug auf das Leben der spielenden Jugendlichen.

Eine weitere literarische Adaption verhandelte die Frage nach der eigenen Identität. Spezialbegabte Jugendliche treffen in Funken, einem ausgezeichneten Stück von Till Wiebel, in einem Lager zusammen, wo ihnen die Möglichkeiten eines selbstgesteuerten Lebens zur Verfügung gestellt werden. Erst langsam entdecken sie, dass sie bei aller Freiheit Opfer eines ausbeuterischen Systems sind und versuchen sich davon zu befreien.

Die Inszenierung des Theaters am Evangelischen Ratsgymnasium in Erfurt hält sich im Wesentlichen an die textliche Vorlage. Schnell und routiniert gesprochene reflektierende Monologe, charakterisierende und handlungsbewegende Dialoge sind damit die Substanz der Aufführung. Szenenwechsel werden begleitet durch die Um- und Neuanordnung einer größeren Zahl von weißen Papphockern, die unterschiedliche Räume und Situationen andeuten: Jugendliche umlagern einen anderen, eine Mauer schließt sie vom Zuschauerraum ab, Säulen am Bühnenrand ermöglichen Ausblicke und manchmal herrscht einfach nur Kartonchaos. In manchen Szenen nutzen sie zudem die klanglichen Möglichkeiten der Hocker zum Trommeln oder um Regengeräusche zu simulieren. Die Spielenden sind im Sinne ihrer Individualität originell und sehr unterschiedlich jugendlich kostümiert.

Malte, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, wirkt allein durch seine einfache Hose und sein orangenes T-Shirt wie ein durchschnittlicher Jugendlicher. In der Konfrontation mit den anderen, etwa dem raffinierten Koch, dem Wetterspezialisten, dem Zahlenfetischisten, dem Raketenbauer oder der Musikerin wächst in ihm die Erkenntnis, dass seine Spezialität die Normalität ist, an der sich die Besonderheit der anderen messen lässt. Damit ist seine Integration in die Gemeinschaft abgeschlossen.

Trotz der Möglichkeiten, ihre je individuelle Begabung auszuleben und den immer wieder unterhaltsamen Lebenssituationen, wie dem Zungenkuss-Seminar, Erholungsphasen in der Sonne oder einem gemeinsamen Eisessen, bleibt nicht aus, dass die hoch intelligenten Jugendlichen ihre eigene Lage und das Wesen des Camps hinterfragen. Wer steckt hinter der Organisation, die dieses Camp eingerichtet und sie zusammengeführt hat, von der aber nie jemand sichtbar wird? Besonderes Gewicht erreicht diese Frage, als sie bei einem Bootsausflug durch einen Sturm kentern und ihnen niemand in der lebensbedrohlichen Situation zu Hilfe kommt.

Sie wären keine Hochbegabten, wenn Ihnen nicht irgendwann auffiele, dass sie trotz funktionierender Handys offenbar isoliert sind, weil keine Nachrichten das Camp verlassen. Und als sie herausbekommen, dass sie alle von ihren Eltern an das Camp verkauft wurden und ihre Arbeiten, von den Rechenphänomenen bis zum Raketenbau, den Zwecken eines offenbar erpresserischen Technikkonzerns dienen, ist ihre Flucht aus dem verschlossenen Camp nur noch eine Frage der Zeit.

Mit den einfachen andeutenden Bühnenmitteln, konsequent erarbeiteten Figuren und einer auf die Texte konzentrierten Spielweise vermitteln die Akteure distanziert, aber souverän die im Stück angelegten Themen der Selbstfindung: Die Wichtigkeit des notwendigen und chancenreichen Zusammenwirkens verschiedenster Begabungen, aber auch die Notwendigkeit der Selbstbefreiung aus vorgegebenen Abhängigkeiten, denen sie sich zunächst unbewusst unterordnen, um zu einer souveränen Freiheit zu kommen.

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Fotos: Celine Helbing

Wachstumsschmerz

Klasse 8b des Gymasiums Sanitz, Mecklenburg-Vorpommern

Ebenfalls knapp erwähnt gehört hier das auch an anderer Stelle genauer beschriebene Draußen vor der Tür, da sich ein großer Teil der Aufführung, ausgehend von Borcherts Kriegsheimkehrer-Tragödie der Frage stellt, wie sich dieser Teil der deutschen Vergangenheit in der Heimat der Jugendlichen, der Eifel, abbildet. Die Entdeckung eines Falles ungerechter Entschädigungsrechtsprechung für eine Zwangssterilisation während der NS-Zeit, die aufmerksame Wahrnehmung der diskriminierenden Untertöne in den alltäglichen Unterhaltungen eines Familienessens zu Weihnachten und ebensolcher teils gewaltbereiter Tendenzen in den Dörfern und bei Festen, lassen sie an den idyllischen Beschreibungen ihrer Heimat zweifeln. Ihre Verunsicherung über den Landstrich, in dem sie bisher leben, ist Teil ihrer Auseinandersetzung mit der Frage, an welchem Platz für sie Heimat ist.

Zwei weitere Stücke, die die Auseinandersetzung mit pubertären Entwicklungen und der damit verbundenen Rollenverunsicherung sowie der notwendigen Rollenfindung aus ganz eigener Sicht verhandelten, waren Wachstumsschmerz und Käfer. Beide Stücke setzen dazu bei körperlichen Veränderungen an.

Mit Wachstumsschmerz präsentierte die Klasse 8b des Gymasiums Sanitz ein offenes, überwiegend chorisches Theaterstück auf der Basis des Jugendromans Reckless 1 - Steinernes Fleisch von Cornelia Funke. Das Setting ist so einfach wie abstrakt. Im hinteren Teil der Bühne steht vor der Operafolie ein Podest, auf dem mit Xylophonen, Kalimba oder elektronischen Geräuschen live musiziert wird. Eine Spielerin im schwarzen Paillettenkostüm spricht erhöht von einem Balkon am Rand des Bühnenraums. Sie ist die Fee, die mit ihren Flüchen die Menschen langsam versteinert und sie so zu Veränderungen zwingt. Auf der Spielfläche agiert der größte Teil der Spielgruppe in verschiedenen Formationen und mit häufig chorischen Texten. Als requisitartig behandeltes Kostümversatzstück kommen Jacketts wohl auch als Symbol des Erwachsenwerdens zum Einsatz. Sie werden an- und ausgezogen, mit ihnen wird an manchen Stellen gerungen oder geschlagen.

Möglicherweise, weil Musik- und Textvortrag der lyrisch anmutenden Texte sich stellenweise überlagern, vielleicht auch wegen der starken Verkürzungen bleiben die Entwicklungen rätselhaft. Es geht zunächst um Kriegssituationen, die sich nicht beenden lassen und denen man nicht entkommen kann. Die Fee meldet sich und fordert zur Suche nach Will auf, der schon bemerkt hat, dass er innerlich zunehmend versteinert und von einer Gruppe offenbar schon Versteinerter, den Gols, bedrängt wird. Sein Bruder Jakob versucht ihn zu retten. Die Schwierigkeiten des Veränderungsprozesses bilden sich im Text und im Kampf mit den Jacketts ab. Die Gruppe der Gols haben diese Entwicklung offenbar schon vollzogen. Jakob, der in einem angedeuteten Seilkampf seinen Bruder aus der Gruppe der Gols befreien will, verliert diesen. Die schwarze Fee hat Will gewonnen.

Deutlich wird, dass die Auseinandersetzung mit dem Prozess des Steinwachstums in einem selbst ein angstbesetzter Vorgang ist. Einschübe aus Tagebucheinträgen, die nur im Schein einer Leselampe aus Heften vorgetragen werden, verbinden die fantasyartigen Entwicklungen der Handlung mit persönlichen Erfahrungen. Auch in diesen Dokumenten ist die Sprache stark verkürzt und bleibt andeutend.

Dem Sicherheitsversprechen der Fee: Der Stein befreit dich mag man angesichts der Düsternis in der Bühnenerzählung nicht glauben. Die Entwicklungen sind aber noch nicht zu einem Ende gekommen.

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Fotos: Madeleine Franke

Käfer

Wahlpflichtkurs Theater Jahrgang 6 und 7, Oberschule Habenhausen, Bremen

Gleiches Thema, andere Form: Käfer, das wegen seiner besonderen Darstellungsweise als Grundschulstück zur Vielfalt der Theaterformen des Festivals beigetragen hat (s. auch an anderer Stelle), geht in der Frage der Verunsicherung durch Entwicklungsprozesse einen anderen Weg und kommt zu einem mutmachenden Ergebnis. Auch hier dominiert das Chorische, aber in einer tänzerischen Variante. Die Sprache kommt weitgehend aus dem Off und ist Teil des intensiven Soundtracks, der die Bewegungssequenzen begleitet.

Zu Beginn sind vier Mädchen der Gruppe Greta Samsa, die eines Tages als Käfer erwacht und sich mit ihrem veränderten, knackenden Körper im Spiegel entdeckt. Der Rest der Gruppe begleitet diese Entdeckung durch Bewegungen, die die emotionalen Zustände von Verwunderung bis Angst zum Ausdruck bringen. Zusätzlich zu hellen Stretch-Anzügen, die alle tragen, sind die Käferdarstellerinnen durch individuelle glitzernde Röckchen und pelzige Rollen, die durch Angeln ihre Armbewegungen begleiten, gekennzeichnet. Neben überwiegend klassischen, auch jazzigeren Tanzmelodien vertanzen die Spieler:innen Texte aus dem Off. Daneben gibt es - meist biografische - Statements über ein Standmikrofon am Bühnenrand.

Die erste Szene kulminiert in der Entdeckung der Spieler:innen, sich an einem Wendepunkt zu befinden. Die Käfer verschwinden und während die anderen weitertanzen, werden über Mikrofon persönliche Wendepunkte, wie Umzüge, Beleidigungen oder Kriegsbilder knapp berichtet. Das Käferdasein durchläuft daraufhin einige sinnfällige Entwicklungsstadien: Zunächst die Begegnung mit dem Unverständnis und Ignoranz der Eltern vor dem Hintergrund des zunehmend aggressiven Songs Beginne jeden Tag mit einem Lächeln von Danger Dan.

Eine zarte Begegnung mit der Freundin, die wahrnimmt, dass Greta sich verändert hat, in einem ruhigen Pas de Deux, beruhigt die Käferfigur. Mit der Aufforderung, sich durch die Augen der Freundin zu sehen, um zu entdecken, welche Superkräfte in Käfern stecken, stürzt sich die Verwandelte ins Leben zurück. Aber erst am Ende einer gescheiterten Sportstunde, nach einer zunehmenden individuellen Bewusstwerdung ihrer Besonderheit im Rahmen der anderen und in der Distanz zu den allgemeinen Erwartungen der Erwachsenen, erweist sich die Strategie der Selbstermächtigung als erfolgreich.

Dann nehmen die anderen sie wahr und schätzen sie, kleiden sie auf offener Bühne hinter einem Glitzervorhang in ein Käferkostüm, geben ihr sogar einen Fühlerhelm dazu und Flügel und lassen sie in einer Hebefigur über die Bühne schweben. Greta Samsa? gibt es nicht mehr, es gibt nur noch den Käfer, denn so das positive Ende: Es tut gut, ein Käfer zu sein.

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Fotos: Madeleine Franke
Inhaltsverzeichnis

Fokus 2025 - Vielfalt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock im Studiengang Lehramt Theater, Studiengangsleiterin des Weiterbildungsmasters „Theater unterrichten“

ina.driemel@hmt-rostock.de

Redaktionsleitung

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Hannover