Fokus 2025 - Vielfalt

Inklusive Bestrebungen im Schultheater auf dem SDL

Die Welt den Träumern

Kooperation zwischen dem Gymnasium im Schloss und der Peter-Räuber-Schule in Wolfenbüttel, Niedersachsen

Bereits zur Eröffnung des Festivals zeigte sich das Fokusthema Vielfalt auf beeindruckende und vielschichtige Weise. So stach der Beitrag des Gastgeber-Bundeslands Niedersachsen nicht nur heraus, weil es sich hierbei um eine Schul-Tanztheaterproduktion handelte und damit die Breite der ästhetischen Ansätze und Arbeitsweisen im Schultheater ein erstes Mal deutlich wurde, sondern weil in dieser Inszenierung Vielfalt im Sinne von Diversität und Inklusion interpretiert wurde.

Die Produktion Die Welt den Träumern entstand in einer Kooperation zwischen dem Gymnasium im Schloss und der Peter-Räuber-Schule in Wolfenbüttel, letztere eine Förderschule für junge Menschen mit Behinderung. Die gemeinsame Arbeit erforscht die Welt der nächtlichen Träume, wobei der körperlich-bewegungsorientierte Zugang eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen den Jugendlichen ermöglicht. Dabei nutzt die insgesamt recht große Spielgruppe eine leere Bühne, deren einziges szenographisches Objekt die große Projektionsfläche an der Rückseite der Bühne ist. Die Inszenierung selbst lebt von der Körperlichkeit der Spielenden, den verschiedenen Kostümen und den Videoeinspielungen auf besagter Projektionsfläche.

Die Welt den Träumern entfaltet von Beginn an eine eigentümliche Sogwirkung. Aus jener leeren Bühne heraus – zu sehen und spüren sind zunächst lediglich Nebel, Licht und Stille – entwickelt sich ein atmosphärisch dichtes Spiel zwischen Wachsein und Traum, zwischen individueller und kollektiver Bewegung. Mit den ersten sichtbaren Körpern entfaltet die Spielgruppe eine zwischen Traumfragmenten springende Darstellung, die das Publikum langsam in eine eigene Traumlogik hineinzieht, sich dabei aber nicht narrativ erklärt, sondern sinnlich erfahrbar ist.

Inhaltlich bewegt sich die Inszenierung zwischen leichten, humorvollen Traumfantasien und dunkleren, albtraumhaften Bildern. Aus dem Off erklingen geträumte Wünsche und Ängste, Alltägliches und Existentielles. Diese Vielstimmigkeit verleiht der Inszenierung eine große Interpretationsoffenheit. Traum und Albtraum stehen dabei nah beieinander, getragen und gelenkt durch den bewussten Einsatz von Musik und Körperlichkeit: Einerseits dunkel-atmosphärische Musik, starre Gesichter, verzerrte Körper, ein plötzliches Auflachen, andererseits leichte Musik – in Teilen bekannter Pop –, lachende, freudige Gesichter und leichte Bewegungen voller Energie.

Die Körperlichkeit der Spieler:innen bildet das Herzstück der Aufführung. In präzise gesetzten, teils akrobatischen Choreografien wechseln sich kraftvolle, kantige Bewegungen mit fließenden, schwebenden Momenten ab. Es werden beeindruckende körperliche Fähigkeiten sichtbar sowie ein hohes Maß an Vertrauen und Aufmerksamkeit füreinander – insbesondere über die Grenzen der beiden Schul(form)en hinweg. Unterschiede der Körper, Fähigkeiten und Ausdrucksweisen werden durch die ästhetischen Handlungen irrelevant. Aus einzelnen Figuren formt sich nach und nach eine bewegte Gruppe.

Weiteres Gestaltungsmoment ist das Zusammenspiel aus der bewegten Bühnenhandlung und den vereinzelten Videoprojektionen. Die große Projektionsfläche fungiert als rahmendes Fenster in eine (möglicherweise) narrativ-wache Ebene der Inszenierung, die nie ganz ausgespielt wird: filmische Sequenzen, die irgendwo zwischen Realität, Erinnerung und Traum mäandern, etwa mit intimen, spielerischen Bildern einer Übernachtungsparty, stehen immer wieder in produktiver, kommentierender, widersprechender und ergänzender Spannung zu den Bewegungen auf der Bühne.

Die Welt den Träumern ist ein beeindruckendes Beispiel für eine schulübergreifende und inklusive Kooperation, aus der eine spannungsvolle und handwerklich gelungene Schul-Tanztheater-Inszenierung entstanden ist. Eine solche Arbeit bietet umfangreiches Bildungspotenzial für die jungen Erwachsenen von beiden Schulen und insbesondere für die Schüler:innen der Peter-Räuber-Schule die Partizipationsmöglichkeit an einem solchen Projekt. Gleichzeitig bleibt abseits des guten Willens des inklusiven Ansatzes für die Zuschauenden offen, in welchem Verhältnis die Spielenden der beiden Schulen im Entwicklungsprozess zueinander standen. In einzelnen Szenen, insbesondere in solchen mit hohem akrobatischem Anteil, ist die inklusive Partizipation der Schüler:innen der Peter-Räuber-Schule nicht zu erkennen. An anderer Stelle wird eine gewisse Diskrepanz zwischen den Schüler:innen-Gruppen deutlich, wo die einen mit hoher Präzision Bewegungen ausführen, die anschließend von anderen nicht mit vergleichbarer Körperlichkeit durchgeführt werden können. Hier lässt sich bei der reflektiven Rezeption die Frage nach der Gestaltung der inklusiv-kooperativen Arbeit und der Integration aller Schüler:innen in den Entwicklungsprozess stellen.

Diese Lesart tut jedoch nicht dem Fakt Abbruch, dass es sich bei der Produktion um eine beeindruckende Eröffnung des SDL 2025 handelte, die auf der durch Inklusion und Offenheit geprägten Auftaktveranstaltung ein Statement für solche Projekte an der Schnittstelle zwischen Theater und Tanz sowie für schul(form)übergreifende Arbeit setzte.

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Fotos: Madeleine Franke

Für dein vollkommenes Wohl

Theatergruppe des Landesförderzentrum Sehen, Schleswig-Holstein

Eine weitere Produktion, die zwar einen grundlegend anderen ästhetischen Arbeitsansatz verfolgt , aber ebenfalls den inklusiven Grundansatz des Bundeswettbewerbs sowie die Diversität der deutschen Schultheaterlandschaft abbildet, war Für dein vollkommenes Wohl, dem Beitrag aus Schleswig-Holstein von der Theatergruppe des Landesförderzentrums Sehen. Für dein vollkommenes Wohl präsentiert sich als eine kraftvolle und aufrüttelnde Produktion, die über ihre narrative Oberfläche hinaus eine unbequeme, dystopische Zukunft zeichnet, die angesichts der weltpolitischen und technologischen Lage jedoch naheliegender denn je scheint. So verhandelt die Theatergruppe die Grundfrage nach Identität und Selbstbestimmung in einem politischen System, das vermeintliches Wohl zur höchsten Norm erhebt und totale Überwachung, Propaganda, Unterdrückung und Gehirnwäsche zur Etablierung eines technokratischen, im Kern aber autokratischen Staats nutzt. Dabei wird unter dem Vorwand einer allumfassenden Gesundheitsmaxime menschliche Individualität systematisch getilgt.

Der von den jungen Darstellenden mit verschiedenen Sehbehinderungen entworfene Staat ist eine zunächst technokratische Maschine, die den Körper, das Denken und sogar emotionale Regungen normiert: Essen wird durch sterilisierte Alternativen ersetzt, Sport zur Pflicht, Gefühle zur Störung, Liebe zur Unordnung, Fortpflanzung zum Privileg ausgewählter. Dabei verharrt die Inszenierung nicht bei der bloßen Anklage, sondern wirft einen differenzierten Blick auf die Mechanismen von Macht und Widerstand. Die Figuren – sei es die Präsidentin, sei es der Sekretär oder die Wissenschaftler:innen, seien es Rebellen gegen das System – sind keine eindimensionalen Symbole, sondern zeigen im Laufe der Aufführung vielschichtige Anliegen, die zwischen Konformität und Aufbegehren, zwischen Eingliederung und Liebe schwanken. Diese Ambivalenz verleiht der einem Politthriller anmutenden Schultheaterinszenierung eine emotionale Tiefe.

Inhaltlich verhandelt die Produktion die Geschichte eines Staates, dessen Präsidentin von ihrem Sekretär hintergangen wird. Unter seiner Leitung wird die Gesellschaft über den Slogan Für dein vollkommenes Wohl! immer weiter normiert. Widerstände werden dabei im Keim erstickt und durch Gehirnwäsche und Fitnesstracker in Camps auf Linie gebracht. Unter diesen Rebell:innen befindet sich auch die Freundin der Präsidentin, die mit Hilfe von Musik und Tanz eine Widerstandsgruppe zusammenstellt. Gemeinsam schaffen sie es, die ahnungslose Präsidentin zu unterrichten und den Sekretär zu stürzen.

Dabei wird ein Spannungsfeld dargestellt, in dem Hoffnung und Unterdrückung nicht lediglich als Gegensätze auftreten, sondern sich oftmals überlagern: Humorvoll überzeichnete Momente, etwa das Verlangen nach einem Döner oder der ungezähmte Wunsch zu tanzen,cstehen im Kontrast zu rigiden Vorschriften und schaffen Raum für Reflexion über den Wert des Unvollkommenen im menschlichen Dasein. Dieser thematische Kern der Produktion – die Suche nach dem eigenen ICH in einer Welt, die dieses auflösen will – wird durch wiederkehrende Audioeinspielungen philosophischer Gedankengänge untermauert und geleitet.

Als Beitrag zum Schultheater der Länder 2025 zeigte Für dein vollkommenes Wohl eindrücklich, wie jugendliche Ensembles in der Lage sind, gesellschaftsrelevante und zukunftsorientierte Themen künstlerisch ernsthaft, aber dennoch mit spielerischer Leichtigkeit zu verhandeln und in Bezug auf die eigene Lebensrealität zu reflektieren. Zudem bleibt beeindruckend, mit welcher Sicherheit und Souveränität sich die Spielgruppe junger Menschen mit Sehbehinderung den fremden Raum zu eigen gemacht haben. Eine Erinnerung daran und ein Plädoyer für Theater für wirklich alle.

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Fotos: Madeleine Franke

Hamsterrat

Spielgruppe der Carl-Schomburg-Schule Kassel, Hessen

Mit Hamsterrat hat die hessische Spielgruppe der Carl-Schomburg-Schule aus Kassel beim SDL eine Produktion präsentiert, die aus der philosophisch-existentiellen, in Teilen fragmentarischen Vorlage Das Tagebuch von Edward dem Hamster eine vielschichtige theatrale Collage ableitet. Die Erzählung vom Hamster Edward, der sich in seinem Käfigleben fühlt wie in einem niemals endenden Laufrad, wird dadurch zu einer kritischen Reflexion der eigenen Lebenswelt und Gefühlen des Andersseins sowie zu einer Suche nach der eigenen Haltung. All dies unter dem wiederkehrenden Slogan: Edward ist kein Hamster, Edward ist eine Lebenseinstellung!

Während im Kern ein Lebensjahr von Edward dargelegt wird, von dessen Einzug im Käfig, über verschiedene Mitbewohner und Mitbewohnerinnen bis hin zu seinem eigenen Ende, pausiert die Spielgruppe immer wieder und stellt sich die Frage nach möglichen Lehren aus den Tagebucheinträgen. Hieraus ergeben sich beispielhafte Möglichkeiten, mit eigenen Erfahrungen, mit dem Gefühl des Andersseins, mit Ausgrenzung und Mobbing, mit Liebe und Sorgen umzugehen. So wird Edward zur Schablone des eigenen Handelns und die szenische Auseinandersetzung zum bildenden Moment (Günther, 2024). Edward ist eben nicht nur ein Hamster, sondern eine Lebenseinstellung. Edward wird zum Symbol für eine Haltung des Nachfragens, Zweifelns und radikalen Menschseins gelesen.

Die Dramaturgie der Aufführung ist dementsprechend bewusst fragmentarisch: Es entfaltet sich eine Szenencollage, in der unterschiedlichste Einfälle, Bilder und Stimmungen aufeinandertreffen – mal humorvoll, mal ernst, mal spielerisch, mal emotional tief. Hier zeigt sich eine saubere und pädagogische Arbeitsweise eines Theaterunterrichts, der sich in der Formsprache der Szenen widerspiegelt: Von choreographierten Aktionen über improvisatorische Spielmomente bis hin zu tableauartigen Situationen entsteht ein vielfältiges Spektrum an Ausdrucksweisen, das die thematischen Fragen jeweils neu beleuchtet ohne den Blick auf das Ganze zu verlieren. Dabei bleiben die Spielenden stets in ihrem u-förmigen Spielraum zwischen den grauen Sitzkästen, der auf der großen Bühne eine erstaunlich intime Atmosphäre öffnet.

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Fotos: Madeleine Franke
Inhaltsverzeichnis

Fokus 2025 - Vielfalt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock im Studiengang Lehramt Theater, Studiengangsleiterin des Weiterbildungsmasters „Theater unterrichten“

ina.driemel@hmt-rostock.de

Redaktionsleitung

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Hannover