Innovative Grundschul-Theaterproduktionen
Käfer
Wahlpflichtkurs Theater Jahrgang 6 und 7, Oberschule Habenhausen, Bremen
Kafka mal anders – treffender ließe sich die Bremer Schultheaterproduktion Käfer kaum überschreiben. Bereits der Einstieg macht deutlich, dass hier kein Nacherzählen von Franz Kafkas Die Verwandlung beabsichtigt ist, denn: Nicht Gregor, sondern Greta Samsa erwacht hier eines Morgens aus ihren Träumen und entdeckt, dass sie ein riesengroßer Käfer ist. Damit ist die Kafka–Geschichte auch schon beendet.Es öffnet sich von dort aus der Raum für eine eigenständige theatrale Auseinandersetzung. Die Sechst- und Siebenklässer, machen sich Kafkas Stoff im besten und zugleich souveränen Sinne zu eigen: Im Mittelpunkt stehen das Thema Verwandlung und das damit verbundene Gefühl des Andersseins – Erfahrungen, die im Alltag von Kindern und Jugendlichen eine zentrale Rolle spielen. Dieses Grundmotiv entfaltet sich in einer abwechslungsreichen, klug strukturierten Inszenierung, die Theater, Tanz, chorische und musikalische Elemente miteinander verbindet und stellenweise sogar Musical-Charakter annimmt. Die Produktion besticht durch eine starke choreografische Arbeit und eine präzise darauf abgestimmte musikalische Begleitung. Immer wieder entstehen eindrucksvolle Bilder, getragen von einer bemerkenswerten Ensembleleistung und großer Bühnenpräsenz der Schüler:innen. Die gelungenen Übergänge zwischen Soli und Gruppenchoreografien lassen die Szenen nahtlos ineinandergreifen und verleihen der Inszenierung ihre harmonische (fließende) Dramaturgie.
Bemerkenswert ist zudem die Einfachheit der Mittel: Die Bühne bleibt weitgehend leer, klassische Käferkostüme werden bewusst vermieden. Stattdessen genügen wenige Requisiten wie Glitzerrock, Fahrradhelm und seitlich aus der Hüfte ragende Käferbeine, die mit Angelsehnen an den Armen verbunden sind und sich mitbewegen. Ergänzt durch den silbernen Glitzervorhang, hinter dem wie von Zauberhand ein Käfer erscheint, entfaltet diese reduzierte Ausstattung eine kraftvolle Wirkung. Ein herausragender Moment ist zudem jene Szene, in der ein durchweg positiver Text („Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“ - Song von Danger Dan) mit einer zunehmend schrillen, verzerrten Stimme unterlegt wird. Währenddessen machen die Spieller:innen Alltagsbewegungen im Dauerloop. Das vermeintlich Positive kippt ins Unheimliche und Absurde – ein starker, im besten Sinne kafkaesker Moment, der zeigt, wie bewusst hiermit Wirkung und Kontrasten gearbeitet wird. Ebenfalls gelungen sind die biografischen Einschübe, etwa wenn die Schüler:innen von ihren persönlichen Wendepunkten erzählen. Gegen Ende entwickelt die Produktion noch einmal eine große empowernde Kraft. Jedes Kind stellt sein ganz persönliches Käferexemplar vor – vom roten oder gelben Weichkäfer bis zum Blattkäfer – und verbindet dies mit einem biografischen Aspekt. Die Bühne wird so zu einem echten Kraftort, an dem das Gefühl des Andersseins in etwas Positives verwandelt wird: Einzigartigkeit.
Käfer überzeugt durch eine besondere Ensembleleistung, hohe Präsenz und eine dramaturgisch durchdachte Struktur. Die Zusammenarbeit aus Theaterunterricht und Tanz zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn auch jüngere Schüler:innen ernst genommen werden. Entstanden ist eine berührende, kreative und mutige Produktion, die Kafkas Motiv der Verwandlung in die Lebenswelt junger Menschen übersetzt und dabei ganz eigene Käferkräfte entfaltet.
Die verwandelten Elfen
Eigenproduktion basierend auf dem Märchen “Die verwandelten Elfen” der 3c, Schule Rothestraße, Hamburg
Dass Theaterarbeit bereits in der Grundschule inhaltlich wie ästhetisch überzeugen kann, beweist auch die Klasse 3c aus Hamburg mit ihrer Eigenproduktion „Die verwandelten Elfen“ auf eindrucksvolle Weise. Die Inszenierung widerspricht entschieden der noch immer weit verbreiteten und sich hartnäckig haltenden Annahme, Theater in der Grundschule sei ästhetisch begrenzt (ganz nach dem Motto: die Kinder „spielten ja nur“). Stattdessen entfaltet sich hier eine künstlerisch durchdachte, fantasievolle und bemerkenswert präzise Arbeit, die eindrucksvoll zeigt, welches Niveau Theater bereits in der Grundschule erreichen kann.
Grundlage der Inszenierung ist das gleichnamige irische Märchen um Johann Mulligan, einen Mann, der fest an Geister glaubt und von Elfen erzählt, ohne sie je gesehen zu haben. Bis zu jener Nacht, in der er glaubt, Elfen tanzen zu sehen. Doch wie sich herausstellt, handelt es sich womöglich lediglich um einen übergroß gewachsenen weißen Pilz. Diese Geschichte von Glauben, Fantasie und Wirklichkeit bildet den losen roten Faden der Inszenierung, die nicht den Anspruch erhebt, das Märchen in irgendeiner Weise nachzuerzählen.
Vielmehr entfaltet das Stück eine dichte Folge atmosphärischer, assoziativer Bilder und Klangräume. Entsprechend beginnt das Stück auch nicht mit der Erzählung selbst, sondern mit der Reise der Kinder nach Irland. Diese wird mit einfachen, sich wiederholenden Bewegungsabfolgen gestaltet. In Irland angekommen, wird selbstverständlich Englisch gesprochen; Standbilder und kurze szenische Aktionen vermitteln auf humorvolle Weise kulturelle Eigenheiten. So öffnet sich früh die Tür zur Welt der Fantasie – das Publikum ist eingeladen, einzutauchen und sich verzaubern zu lassen. Dies geschieht auf direktem Wege, denn die Zuschauenden werden selbst Teil des Spiels. So bewegt sich eine Spielerin durch den Zuschauerraum, setzt einer Person einen schwarzen Hut auf und lässt sie eine kurze Fantasiegeschichte vorlesen. Zwischen diesen Geschichten erklingt von der Bühne das musikalische Motiv „Ha, ha, ha, so ein Quatsch“ – ein augenzwinkernder Kommentar, der Zweifel an den Geschichten markiert. Darin spiegelt sich ein kluger dramaturgischer Kniff, denn: Wie schon bei Mulligan selbst wird auch hier das Erzählte infrage gestellt.
Der schwarze Zylinder ist insofern bedeutsam, als dieser die Figur des John Mulligan bedeutet. Er wandert im Laufe des Stückes von Kind zu Kind – hier spielt jede und jeder einmal die Hauptrolle. Ebenso bleibt das gesamte Ensemble durchgehend auf der Bühne: Solo- und Chorpassagen greifen fließend ineinander. Überhaupt besticht die Inszenierung durch das stimmige Zusammenspiel der Kinder und die Konsequenz der reduzierten Mittel: Klang, Stimme, Körper und Bewegung genügen, um Räume und Atmosphären entstehen zu lassen. Auf der leeren Spielfläche wachsen Wälder, Pilzwiesen und das Reich des Elfenvolks. Selbstgebastelte (Pilz-Mensch-)Masken, Lichtstimmungen und kleine Verwandlungen erzeugen dabei eindrucksvolle Bilder. Die Musik wird live gespielt (von dem Liedermacher Mirko Frank, der mit auf der Bühne sitzt und sämtliche Klanglandschaften entstehen lässt). Die Musik trägt und kommentiert das Geschehen, gibt Rhythmus und Energie, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen.
Ein besonderer Höhepunkt ist der Tanz der Elfen, der irische Step-Patterns mit zeitgenössischen Tanzelementen verbindet. Die abstrakte Choreografie überzeugt durch Klarheit, Präzision und Präsenz und vermeidet bewusst jede Verniedlichung. Insgesamt bricht das Stück mit gängigen Märchenklischees und der Vorstellung der einen, perfekten Elfe. Stattdessen setzt es auf Vielfalt, sowohl in der Darstellung der Figuren als auch im Einsatz theatraler Mittel. Großen Spielwitz beweist die Inszenierung auch in der eingebetteten „Elfenshow“: Beim Elfenfußball wird nach je eigenen Regeln und dabei ohne Ball gespielt; eine humorvolle Runde Elfencomedy im Show-and-Tell-Format sorgt für sichtliche Freude auf und vor der Bühne. Eindrücklich ist zudem ein Rap-Duell mit Body Percussion, in dem sich jene gegenüberstehen, die – wie Mulligan – an Elfen und Wunder glauben, und jene, die daran zweifeln. Hier greift das Stück den zentralen Konflikt der Geschichte noch einmal auf und beweist damit erneut dramaturgische Finesse, indem es diesen bewusst offen hält, denn: Ob Mulligan tatsächlich Elfen sieht oder doch nur Pilze, bleibt in der Hamburger Produktion der Entscheidung des Publikums überlassen.
Die verwandelten Elfen ist eine ebenso kluge wie humorvolle Theaterarbeit, die auf ästhetischer wie inhaltlicher Ebene überzeugt. Das Stück macht großen Spaß, die Musik beflügelt und zieht das Publikum in seinen Elfen-Bann.
Inhaltsverzeichnis
Fokus 2025 - Vielfalt
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock im Studiengang Lehramt Theater, Studiengangsleiterin des Weiterbildungsmasters „Theater unterrichten“
Redaktionsleitung
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Hannover