Fokus 2025 - Vielfalt

Stücke zum Nationalsozialismus

Neben der Konzentration auf individuelle Fragen der Selbsteinordnung in die Vielfalt der Welt, ist den Schüler:innen auf dem SDL verschiedentlich die Sorge um die Erhaltung von Vielfalt in der Gesellschaft ehrlich anzumerken. Um dem Problem auf die Spur zu kommen, bietet sich eine Auseinandersetzung mit Gefährdungen und Einschränkungen von Vielfalt in der Zeit des Nationalsozialismus an. Das daraus gewonnene Material kann berechtigterweise Warnung und Aufforderung zur Achtsamkeit sein.Drei Stücke, die für das Festival ausgewählt worden waren, hatten für ihre Arbeit diese Perspektive gewählt.. Trotz unterschiedlichen theatralen Vorangehens ähnelten sich alle drei in der Frage nach dem Mechanismus und den Auswirkungen von Ausgrenzung durch politische Setzungen, vor allem aber in der Ablehnung von Unterdrückung oder gar Auslöschung von stigmatisierten Minderheiten. Spannender ist also in diesem Zusammenhang die Frage nach dem theatralen Vorgehen und der Spielform und ihrer Leistung zum oben genannten Ziel beizutragen.

Und plötzlich war sie unerwünscht

 Theaterlabor Sigmaringen – Vichy des Hohenzollern-Gymnasiums Sigmaringen, Baden-Württemberg

Unter dem Titel Und plötzlich war sie unerwünscht griff das Theaterlabor Sigmaringen – Vichy des Hohenzollern-Gymnasiums Sigmaringen  das Schicksal einer jüdischen Familie Frank aus Sigmaringen auf. Besonderes Interesse schenkten sie dabei der Tochter Lisa.

Das Stück entwickelt sich sehr langsam und setzt auf wenige große theatrale Bilder. Zunächst auf eine Stadtführung durch Sigmaringen mit besonderem Schwerpunkt auf der Geschichte der Hohenzollern und der Donauschwaben. Hier zeigt sich die Gruppe in ihrer sprachlichen Vielfalt von Deutsch über Französisch bis zu Ukrainisch.

Dann stößt sie auf Stolpersteine, die auf eine Familie Frank hinweisen. Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne sitzen verteilt Schülerinnen, die in ihren Kostümen an Mädchenmoden des zwanzigsten Jahrhunderts erinnern, im Gegensatz zur Besichtigungsgruppe, die eher erwachsen gekleidet ist. Die mitfühlenden und abweisenden Haltungen, die die Spieler:innen der Besuchergruppe im Verhältnis zu den hockenden Mädchenfiguren annehmen, deuten Verständnis und Ablehnung gegenüber dem Schicksal der Menschenm an die Stolpersteine erinnern an. 

Im nächsten Bild deutet das Querlaufen der Spieler:innen eine umtriebige Stadt an. Ein Herr und ein junges Mädchen werden vielfach und oft gegrüßt. Die Freundlichkeit kippt, ohne dass eine Ursache dafür erkennbar wäre, und das Paar wird zunehmend gemieden. Ebenso unvermittelt marschiert die Gruppe plötzlich im Gleichschritt, pulkt sich zusammen und flüstert dem verschüchterten Paar das Wort Jude entgegen. In einer folgenden Maschinenpantomime versuchen die Spieler:innen dem Empfinden der unmittelbar angefeindeten Menschen nachzugehen, deren Gedanken von Zweifeln, Angst und Unverständnis gepeinigt sind. Dann löst sich die Maschine auf. Alle weichen zurück vor eine Stuhlreihe, auf die sie wie leblos fallen, um als sich in Reihe als Marionettenfiguren zu erheben, um nach einem Gang vor die vierte Wand pantomimisch festzustellen, dass sie gefangen sind. Biografische oder scheinbiografische Aussagen legen Zeugnis vom Ansehen der Familie Frank ab ohne ins Detail zu gehen. Ebenso grob bleibt die anschließende fiktive Befragung von Lisa Frank aus der Sicht der Jugendlichen von heute, die sich jetzt mit Stühlen frei auf der Spielfläche verteilt haben. Die folgenden Kommentare zum Geschehen sind ihrer Ablehnung von Ausgrenzung erkennbar persönlich gefärbt.. Ob sich aber dieses Geschehen nie mehr wiederholen wird, hinterfragen sie in verteilten Positionen auf der Spielfläche, wo sie aus Zeitungen zahlreiche antisemitische Vorfälle und Vorgänge der letzten etwa 15 Jahre aufgreifen.

Dreißig Minuten, deren abschließender appellativer Charakter aus dem Versuch gewonnen wird, sich in das historische Erleben der Ausgrenzung im Nationalsozialismus mit theatralen Vorgehensweisen einzufühlen und das Publikum daran teilhaben zu lassen. Die Möglichkeit dazu bekommen die Zuschauer, weil das Prinzip der Reduktion in Darstellung und Text Assoziations- und Erinnerungsräume eröffnet.

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Fotos: Madeleine Franke

Stimmen

Theaterwerkstatt Blickwechsel des Ernst-Mach-Gymnasiums Haar, Bayern

Die Theaterwerkstatt Blickwechsel des Ernst-Mach-Gymnasiums aus Haar sucht für ihre Auseinandersetzung mit Ausgrenzung einen theatralen Weg über performative, immersive und dokumentarische Theaterformen. Auf diesem Weg wird das Erinnern an die Vorgänge und die Betroffenen zu einer unaufdringlichen, aber deutlichen Warnung, auf ähnliche Entwicklungen in der Gegenwart zu achten.

Die etwa 25-köpfige Spielgruppe agiert über weite Strecken der Aufführung gemeinschaftlich, präsentiert Texte oft in chorischer Form und wechselt Protagonist:innen immer wieder aus. Das Tempo ist durchweg langsam, die Sprache akzentuiert und klar ohne Pathos oder Mitleidston. Die musikalische Begleitung unterstützt die Abläufe atmosphärisch.

Die Aufführung ist in den Zuschauerraum des Kleinen Hauses in Braunschweig gelegt. Es gibt vor dem heruntergelassenen Eisernen Vorhang ein zentrales frontales Bühnenpodest vor dem Eisernen Vorhang. Das Publikum sitzt arenaartig um dieses herum, vielfach auf einfach Papphockern.

Das Stück beginnt, indem die im Publikum verteilten Spielerin sich in gehemmten Bewegungen nach vorne auf das Podest bewegen, um dort die Frage nach dem Wert des Menschen zu stellen. Darauf versuchen einige Spieler Papphocker zu Türmen zu stapeln, die andere wieder einwerfen. Urteile wie schwachsinnig, unzurechnungsfähig, Anfallsleiden oder konkrete Namen und deren Eigenschaften wie aufgeweckt, musikalisch, gescheit fallen in loser Abfolge, während eine Spielerin im Ostinato eine Melodie auf dem Glockenspiel erklingen lässt. Die Szene endet mit der chorischen Feststellung: Der Mensch hat Würde.

Diese Ausgangsszene setzt Form und Inhalt der gesamten Präsentation. Das Publikum bleibt kein Gegenüber der Spielenden, sondern wird immer wieder einbezogen, indem gleich nach der Eröffnungsszene die Spieler:innen ins Publikum gehen und dort individuell Zuschauern Besonderheiten ihres eigenen Lebens berichten. Später ziehen die Spieler:innen Warnbänder durch das Publikum, die den Grundriss der Tötungsanstalt Schloss Hardtheim andeuten. Je nach Sitzplatz befinden sich nun die Zuschauer in unterschiedlichen Räumen des Schlosses, deren Funktion von der Dokumentation bis zum Tötungsraum nach Beschreibungen, die sich aus dem Besuch der Schüler:innen vor Ort ergeben haben, dargestellt wird.

An anderer Stelle muss sich das Publikum durch Aufstehen zu bestimmten Aussagen bekennen oder nach Alter umsortieren, um die Beliebigkeit von Kriterien, in die sich Menschen einteilen lassen, zu verdeutlichen. Diese Beliebigkeit kommt auch in den zitierten Gesetzestexten zum Ausdruck, die zum Schutze des Erbgutes aus relativ willkürlichen Gründen Sterilisation und Tötung von Menschen erlaubten. So konkret wie die Gesetzestexte sind auch die erhaltenen und vorgetragenen Dokumente, die von einzelnen Personen erhalten sind und die Beliebigkeit der Auswahlprozesse, aber ihre sehr konkreten Auswirkungen, vor allem in Tötungen zeigten. Den Einzelschicksalen gegenübergestellt kommen Auszüge aus der bekannten Rede des Kardinals van Galen über die Relativität der Produktivität im Zusammenhang mit der Menschenwürde oder geschichtliche Hintergründe der Entwicklung der Anstalt in Haar von einem mittelalterlichen Wohnsitz zu einem Experimentier- und Tötungslager ins Bild und zur Sprache. Die berichtenden Texte werden vielfach durch verständliche, scheinbar impulsive Fragen unterbrochen, die sich beim bewussten Wahrnehmen der Schicksale und Vorgänge stellen: Warum wurde nie etwas dagegen unternommen? Wie kann man so etwas tun?

Zum Abschluss befinden sich wieder alle Spielenden unter den Zuschauern. Aus den Papphockern haben sie sich Stehpulte gebaut, auf denen sie jetzt Holzstücke im Gedenken an einzelne Opfer ablegen. Sie nennen deren Namen und verbinden sich über persönliche Kindheitserinnerung mit Wünschen der Begegnung an die Betroffenen.

Die Inszenierung und die Präsentation aus Haar vermeiden den häufig fatalen Weg, sich über Identifikation im personalen Spiel an Zeit und Opfer anzunähern. Sie bleiben stets in der beobachtenden und reagierenden Distanz, selbst dort, wo sie Spieler:innen auf der Bühne präsentieren, die in gewisser Weise die Vertretung der genannten historischen Personen übernehmen. Die theatrale Performance wird so eine Form des würdevollen Gedenkens auf der Basis von Recherchen und Dokumenten, wie es der Thematik angemessen erscheint.

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Fotos: Madeleine Franke

Draußen vor der Tür – jung, pleite, verzwEIFELt

Kurs Darstellendes Spiel der Jahrgangsstufe 12 am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Daun, Rheinland-Pfalz

Einen ähnlichen Zugang und im Prinzip die gleiche Absicht verfolgt der Kurs Darstellendes Spiel der Jahrgangsstufe 12 am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Daun. Unter dem Titel Draußen vor der Tür – jung, pleite, verzwEIFELt ist ihr Zugang das bekannte Stück von Wolfgang Borchert über den Kriegsheimkehrer Beckmann, der in seiner ursprünglichen Heimat keinen Platz mehr für sich findet,.

In einfachen hellen Kostümen, die nach Bedarf durch konkretere Versatzstücke überformt werden, stürzen sich die von der Theaterlehrerin allein gelassenen Schüler:innen mit Hilfe einer KI-Anregung in den Anfang des Borchertstückes. Auf Empfehlung des Chatbots nutzen sie dafür eine effektvolle Darstellung, sind mit Backenschatten und tiefliegenden Augen schreckhaft geschminkt, nutzen Taschenlampen, um die düstere Atmosphäre aufzuladen, und sprechen chorisch laut und dezidiert. Nach der Beschreibung der Rückkehr springen sie mit der nächsten geprobten Szene in den Selbstmord Beckmanns, der zunächst beobachtend beschrieben wird und der in Person dann als Hebefigur herumgetragen und auf der Bühne abgelegt wird.

Ab diesem Zeitpunkt richtet die probende Gruppe ihren Blick in die Eifel und stilisiert zunächst ein Weihnachtstreffen in der Familie, bei dem die Oma sitzend und in Kittelschürze für die AfD schwärmt sowie für frühere Wehrmachtssoldaten und die Wünsche der Tochter, ihren eigenen Weg zu gehen, mit Heirats- und anderen Rollenklischees vom Vater in Jacke und Schiebermütze abgekanzelt werden.


Über die Erkenntnis, dass die Vergangenheit offensichtlich noch lebendig ist, wendet sich die Gruppe der Geschichte von Herrn E. aus Gerolstein zu, der während der NS-Diktatur wegen angeblichen Schwachsinns zwangssterilisiert wurde, aber dafür vermutlich niemals entschädigt wurde. Wieder in einfacher stilisierter Form zeigen sie, wie ihm von einem Richter sein angeblicher Schwachsinn attestiert, wie er zur Sterilisation verurteilt wurde und wie er letztendlich nach Angstattacken beim ausführenden Arzt behandelt wird. Nach dem Ende der Diktatur fällt Herr E. immer wieder juristisch durch das Raster der Entschädigungsgesetze, bis er stirbt. Erst 2025 erfolgt eine gesetzliche Anerkennung von Euthanasie- und Zwangssterilisationsopfern. Auch diese Szenen präsentiert die Gruppe mit großer Geste und zu großem Ausdruck neigender Sprache. Es entsteht eine Bedeutungsschwere, die zwischendurch zum Pathos neigt und in Aussprüchen, wie Das ist unser Deutschland oder Kann ich das hier noch meine Heimat nennen? kulminieren.

In ähnlicher Weise präsentieren Schüler:innen eine weitere Eifelszene, die vorgibt, dass ein Städter in eine Dorfdisco kommt. Dort wird geordnet getanzt und ordentlich getrunken. Ein junger Mann, der von anderen Männern als schwul gelesen wird, wird niedergeschlagen. Weiterhin existieren neben diesen Ausgrenzungen konfliktträchtige Rivalitäten zwischen einzelnen Dörfern.

Im Kontrast zu diesen konfliktbeladenen Szenen liefern Audiotexte aus dem Off idyllische Beschreibungen der Heimat Eifel. Lediglich die schlechte Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz wird immer wieder beklagt. Die begleitenden Standbilder auf der Bühne wirken sehnsuchtsvoll und harmonisch.

Mitten in die Idylle kehrt Beckmann mit seinem Todesmonolog zurück und beklagt die Interesselosigkeit an aktuellen Opfern der Gesellschaft, löst die idyllische Gruppe auf und stirbt ein zweites Mal. Wieder wird er herumgetragen, aber dann aufgestellt. Alle ordnen sich zu einem solidarischen Schlusstableau um ihn. Die KI interpretiert währenddessen aus dem Off das Stück von Borchert. Mit einem cemeinsamen Nie wieder ist jetzt! endet das Stück.

Das Anliegen der Gruppe ist offensichtlich. Sie stellen dem Parabelhaften von Borchert eigene durchaus treffende Erfahrungen und Recherchen gegenüber. Zwischen der Allgemeingültigkeit, die Borcherts Text mit Recht behaupten darf, bleiben die persönlichen Erfahrungen wichtig und unbestreitbar, aber wohl nicht ebenso verallgemeinerbar. Ihre Beobachtungen werden aber zur Wirkung kommen, wenn sie als Einladung verstanden werden, das eigene Umfeld und Erleben kritisch auf ähnliche Vorkommnisse zu befragen und sich dagegen zu wehren.

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Fotos: Celine Helbing
Inhaltsverzeichnis

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Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik und Theater Rostock im Studiengang Lehramt Theater, Studiengangsleiterin des Weiterbildungsmasters „Theater unterrichten“

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Redaktionsleitung

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Hannover