Reflektierender Bericht über Bedingungen und Entstehungsprozess des Stücks "Stolperstühle" aus Hessen
Arbeits- und Probenprozess
Der Arbeitsprozess entstand zunächst aus dem regulären Unterricht im Fach Darstellendes Spiel, der mit einer Doppelstunde pro Woche stattfindet. Im weiteren Verlauf wurde diese kontinuierliche Arbeit durch mehrere intensive Probenwochenenden ergänzt, an denen jeweils samstags und sonntags gearbeitet wurde. Vor dem Schultheater der Länder (SDL) kam zudem eine längere Probeneinheit zur Wiederaufnahme des Stücks hinzu, um „Stolperstühle“ nach einer Spielpause erneut zu beleben und für die Aufführung in Frankfurt zu schärfen.
Vom anfänglichen Widerstand zur Themenfindung
Ausgangspunkt für die Entwicklung von „Stolperstühle“ war die Ausschreibung des Wettbewerbs „Andersartig Gedenken on Stage“, der junge Menschen dazu einlädt, sich künstlerisch mit den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen auseinanderzusetzen. Als Spielleiter brachte ich das Thema in die Gruppe ein und stellte zunächst bewusst die Frage, ob sich die Schülerinnen und Schüler über ein Schuljahr hinweg mit einem so emotional belastenden Gegenstand beschäftigen wollten.
Die ersten Reaktionen waren zurückhaltend; es waren deutliche Widerstände spürbar. Eine Wendung entstand durch die Frage, welche Bedeutung Ausgrenzung, Behinderung, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe heute haben. In einem Rechercheauftrag stießen die Schülerinnen und Schüler unter anderem auf Äußerungen von AfD-Politikern zu Inklusion und Menschen mit Behinderung. Einige Formulierungen empfanden sie als abwertend und als irritierende sprachliche Nähe zu historischen Argumentationsmustern, in denen Menschen nach einem vermeintlichen gesellschaftlichen „Wert“ beurteilt wurden. Dies führte zu intensiven Diskussionen und großer Empörung innerhalb der Gruppe.
Zugleich berichtete Emilia Rausch als kleinwüchsige Schülerin von fehlender Barrierefreiheit, Stigmatisierung und Reaktionen ihres Umfelds. Dadurch wurde das Thema unmittelbar mit der Lebenswelt der Gruppe verbunden. Aus anfänglicher Distanz entstand zunehmend der Wunsch, sich damit theatral auseinanderzusetzen.
Recherche und biografische Zugänge
Im nächsten Schritt brachte ich unterschiedliche Materialien in den Probenprozess ein: Opferbiografien, historische Dokumente, Texte zu den Nürnberger Prozessen, Berichte über die Organisation der Krankenmorde sowie Zeugnisse von Menschen, die Widerstand leisteten. Die Gruppe wählte aus, gewichtete und entwickelte daraus eigene Schwerpunkte: Was waren die „Euthanasie“-Verbrechen und welche Systematik stand dahinter? Wie waren solche Verbrechen möglich und welche Formen von Widerstand gab es? Und vor allem: Was hat dieses Geschehen mit unserer Gegenwart zu tun?
Die Brücke ins Heute wurde auch durch biografische Texte hergestellt. Kira Spaltner, die mit einem Spasmus und einer Gangataxie lebt, brachte ihre Erfahrungen und ihren Alltag ein. Emilia Rausch entwickelte einen Monolog über ihre Lebenswirklichkeit als kleinwüchsige junge Frau. In diesen Passagen sprechen die Schülerinnen nicht hinter einer historischen oder fiktionalen Figur verborgen, sondern aus ihrer eigenen Perspektive. Damit verbindet das Stück historische Erinnerung mit der Frage, wie wir heute über Verschiedenheit, Behinderung und Teilhabe sprechen.
Vom Material zum Theater - Körper, Chor und Choreografie
Die Herausforderung bestand darin, das umfangreiche und belastende Recherchematerial in Theater zu verwandeln, ohne es zu einer bloßen Abfolge historischer Fakten werden zu lassen oder die Ereignisse ästhetisch zu verharmlosen. Opferbiografien wurden zu chorischen Texten, Dokumente fragmentiert und verdichtet, Inhalte in abstrakte Spielsituationen überführt. Andere Passagen lösten sich vollständig vom gesprochenen Wort und wurden in Bewegungs- und Tanzchoreografien übersetzt.
Eine besondere Unterstützung erhielt die Gruppe durch die Choreografin Lucy Hahn. Sie begleitete die Schülerinnen und Schüler dabei, Choreografien mit großer Bildgewalt zu entwickeln, ohne ihnen fertige Bewegungsabläufe überzustülpen. Mit viel Feingefühl griff sie Ideen auf und ging auf individuelle Bedürfnisse, Möglichkeiten und Wünsche im Ausdruck ein. So entstanden körperliche Bilder, die erkennbar aus der Gruppe heraus gewachsen sind.
Die choreografischen Passagen wurden zu einem wesentlichen Bestandteil der Dramaturgie. Wir stellten fest, dass ein Körper, eine Bewegung oder ein gemeinsames Bild bisweilen mehr erzählen kann als ein weiterer Text. Zugleich schaffen diese Sequenzen Momente des Innehaltens: Das Stück kann nach der Dichte historischer Dokumente und Biografien atmen, ohne seine Spannung zu verlieren.
Video, Dokument und Gegenwart
Eine weitere Ebene entstand durch videografisches Material. Klientinnen und Klienten der Lebenshilfe Dillenburg wurden interviewt; Ausschnitte dieser Gespräche wurden als Einspieler integriert. So kommen Menschen selbst zu Wort, über die gesellschaftlich häufig gesprochen wird.
Auch historisches und aktuelles politisches Material wird miteinander konfrontiert. Während politische Aussagen vorgetragen werden, erscheinen beispielsweise historische Propagandaplakate zur nationalsozialistischen „Euthanasie“. Die Inszenierung setzt beides nicht historisch gleich, sondern stellt Sprach- und Bildebenen nebeneinander und lädt das Publikum ein, Unterschiede, Beziehungen und mögliche Kontinuitäten wahrzunehmen. Daraus entsteht die von der Gruppe gewünschte Unmittelbarkeit und Dringlichkeit.
Wie aus Stühlen "Stolperstühle" wurden
Das zentrale Requisit entstand während einer Probe. Die Schülerinnen und Schüler experimentierten offen mit Stühlen: Sie schoben, zogen, stapelten und trugen sie, saßen darauf, standen und balancierten auf ihnen und lösten entstandene Ordnungen wieder auf. Dabei zeigte sich das theatrale Potenzial dieses alltäglichen Gegenstands. Ein Stuhl kann einen Platz markieren, besetzt oder leer sein, jemanden tragen oder ausgrenzen. Viele Stühle können Ordnung herstellen – und diese Ordnung kann bedrohlich werden. Vor allem kann ein leerer Stuhl für einen Menschen stehen, der nicht mehr da ist.
Aus dieser Improvisation entwickelte sich das zentrale ästhetische Prinzip. Die Stühle wurden zu Mitspielern und konnten für Institutionen, Systeme, Grenzen und Barrieren, schließlich aber auch für einzelne Menschen und ihre Biografien stehen.
Der Titel entstand in Verbindung mit einem im Stück verwendeten Lied über Stolpersteine und jugendliche Erinnerungskultur. Von den Stolpersteinen führte der Weg zu den „Stolperstühlen“: zu Gegenständen und Themen, über die wir bewusst stolpern wollen – damit wir stehen bleiben und hinsehen.
Am Ende wird aus dem Gegenstand ein Erinnerungsort
Seine stärkste Bedeutung erhält der Stuhl am Ende des Stückes. Die Schülerinnen und Schüler entzünden Kerzen, stellen sie auf einzelne Stühle und nennen Namen von Opfern, ihre Geburtsorte, Todesdaten und Todesorte. Die abstrakten Spielobjekte werden zu Erinnerungsorten. Jeder Stuhl steht für einen Menschen. Aus Zahlen werden Namen, aus Geschichte wird Erinnerung.
„Stolperstühle“ ist eine Mischform aus dokumentarischem und biografischem Theater sowie Tanztheater. Historische Dokumente, biografische Erfahrungen und choreografische Elemente verbinden sich dabei zu einer gemeinsamen theatralen Sprache.
Aus einem Thema, dem die Gruppe zunächst mit deutlicher Skepsis begegnete, wurde ihr eigenes Stück. „Stolperstühle“ will keine abgeschlossene Antwort auf die Vergangenheit geben. Es möchte Erinnerung in Bewegung bringen, die Berührungspunkte von Geschichte und Gegenwart sichtbar machen und danach fragen, wann aus historischem Wissen persönliche und gesellschaftliche Verantwortung entsteht.
Manchmal muss man stolpern, um stehen zu bleiben und hinzusehen.
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