FORUM SCHULTHEATER

Fokus

Jung, aufgeklärt und sowas von 2021 

Gedanken zu Fremd- und Selbstbildern im Theater mit Schüler*innen

Ina Drie­mel

Ich durf­te in die­sem Jahr zum ers­ten Mal als Essay­is­tin das SDL beglei­ten. Bereits in den Jah­ren zuvor war ich als Teil­neh­men­de dabei, d.h. ich habe mir Stü­cke ange­schaut, an den Nach­ge­sprä­chen teil­ge­nom­men oder auch an der Fach­ta­gung bzw. den Fach­ta­gungs­fo­ren. In sei­nem Buch I remem­ber beschreibt Joe Brai­nard Erin­ne­rungs­mo­men­te, die alle mit „I remem­ber…“ begin­nen. An die­ser Stel­le könn­te ich jetzt eine Fül­le an „I‑re­mem­ber-Sät­zen“ her­un­ter­schrei­ben, die das SDL als Live- und Gemein­schafts­er­leb­nis fas­sen, als einen Ort für Aus­tausch, Begeg­nung und Dis­kus­si­on. Der digi­ta­le Fes­ti­val­kos­mos ermög­licht all dies auch, aber eben auf ande­re Art und Wei­se. Auch wenn es sicher loh­nens­wert wäre, sich mit dem Unter­schied zwi­schen Live-Fes­ti­val und Online-Fes­ti­val genau­er zu beschäf­ti­gen, möch­te ich doch einem ande­ren Gedan­ken nach­ge­hen, der von fol­gen­dem Erin­ne­rungs­mo­ment aus­geht: I remem­ber… die Pro­duk­ti­on @Tatto(o)Theater des Geschwis­ter-Scholl-Gym­na­si­ums läuft auf Insta­gram (und nur dort) und ich kann mich nicht anmel­den. Mein Bild­schirm blinkt und ich füh­le mich abge­hängt, nicht dran am Puls des digi­ta­len Zeit­al­ters – ja, ein Stück weit über­for­dert und auch herausgefordert.

Herausforderungen

An die­ser Stel­le muss ich geste­hen, dass auch das Schrei­ben eines Tex­tes zum dies­jäh­ri­gen SDL, das digi­tal unter dem Mot­to #theater_digitalität statt­ge­fun­den hat­te, in mehr­fa­cher Hin­sicht für mich eine Her­aus­for­de­rung dar­stellt: Ers­tens, weil ich eben nicht up-do-date bin, was auf den Social-Media-Kanä­len „so abgeht“. Im Zusam­men­hang mit der Pro­duk­ti­on @Tatto(o)Theater ist mir bewusst gewor­den, was es heißt, Mit­glied der online-com­mu­ni­ty zu sein – oder eben nicht – , schlicht­weg um zu wis­sen, was dort auf Insta­gram, Tele­gram, Tik­Tok … „abgeht“, wel­che Mög­lich­kei­ten die­se bie­tet, Thea­ter (online) zu machen. Auch wüss­te ich, wäre ich ein sol­ches Mit­glied, dar­über Bescheid, dass face­book inzwi­schen bei Jugend­li­chen „out“ ist.

Zwei­tens habe ich mich mit dem The­ma „Digi­ta­li­tät“ auch theo­re­tisch bis­her noch wenig beschäf­tigt, also mit den Dis­kur­sen um eine post­di­gi­ta­le Gesell­schaft oder auch dar­über, wie das Ver­hält­nis von Digi­ta­li­tät und Thea­ter dis­ku­tiert wird. Mit Blick auf Letzt­ge­nann­tes bie­ten die jüngs­ten The­men­hef­te der Zeit­schrift Schul­thea­ter „theater:digitalität“ (vgl. Aus­ga­be Nr. 41/2020) oder der Zeit­schrift für Thea­ter­päd­ago­gik „Thea­ter und Digi­ta­li­tät“ (vgl. 37. Jg./Heft 78) eine gute Grund­la­ge, um in den Dis­kurs ein­zu­stei­gen. Auch der Band Netz­thea­ter. Posi­tio­nen, Pra­xis und Pro­duk­tio­nen ver­sam­melt Bei­trä­ge, in denen Praktiker*innen sowie Beobachter*innen des Thea­ters die neu­es­ten Ten­den­zen, Arbeits­wei­sen und weg­wei­sen­de (Netztheater-)Produktionen vor­stel­len. Und nicht zuletzt füh­le ich mich auch auf prak­ti­scher Ebe­ne her­aus­ge­for­dert, wenn es dar­um geht, Thea­ter­pro­jek­te zu pla­nen und durch­zu­füh­ren,  in denen Smart­pho­nes & Co. zum Ein­satz kom­men, die Schüler*innen Apps ent­wi­ckeln oder (online) Spiel­for­ma­te aufgreifen.

Digital Natives

Ein kur­zer Streif­zug durch die oben genann­te Lek­tü­re genügt, um sich dar­über klar zu wer­den, dass Digi­ta­li­tät mehr fasst als ledig­lich eine tech­no­lo­gi­sche Sei­te; viel­mehr ist eine Kul­tur der Digi­ta­li­tät gemeint, das Ein­schrei­ben des Digi­ta­len in All­tags­prak­ti­ken. Es geht also dar­um, ein Thea­ter zu den­ken, dass unter­schied­li­che Aspek­te von Dig­i­tia­li­tät auf­greift. Ben­ja­min Jöris­sen fasst hier­un­ter z.B. die Ori­en­tie­rung an post­di­gi­ta­len Jugend­kul­tu­ren, benennt aber auch Ver­än­de­run­gen der Gegen­stands­be­rei­che in den Fel­dern der kul­tu­rel­len Bil­dung, bedingt durch Ver­än­de­run­gen in den Küns­ten selbst (vgl. Jöris­sen 2020: 6), wofür – bezo­gen auf das Thea­ter – For­ma­te wie Game Per­for­man­ces oder immer­si­ves Thea­ter nur eini­ge weni­ge Bei­spie­le für Erschei­nungs­for­men des soge­nann­ten Netz­thea­ters sind.

In mei­ner Lek­tü­re des oben erwähn­ten Netz­thea­ter-Ban­des bin ich auf einen Arti­kel von Iri­na-Simo­na Bar­ca, Kat­ja Gra­win­kel-Claas­sen und Kath­rin Tie­de­mann gesto­ßen, der mit Thea­ter der Digi­tal Nati­ves (2020: 15ff.) über­schrie­ben ist. Die­ser hat inso­fern mein Inter­es­se geweckt, als mir die Begriff­lich­keit der „Digi­tal Nati­ves“ im Rah­men mei­ner For­schung zu Kon­struk­tio­nen von Jugend in der Thea­ter­päd­ago­gik begeg­net ist, wor­auf ich spä­ter noch ein­mal zurück­kom­me. Zum Begriff der „Digi­tal Nati­ves“ schrei­ben die Autor*innen, die­ser zie­le weni­ger auf die Fähig­kei­ten oder indi­vi­du­el­len Kom­pe­ten­zen der Jugend­li­chen ab, son­dern viel­mehr beschrei­be er eine bestimm­te Art der Sozia­li­sa­ti­on. In die­sem Sin­ne rücke mit der Begriff­lich­keit „Thea­ter der Digi­tal Nati­ves“ die Lebens­welt der prak­ti­zie­ren­den Akteur*innen ins Zen­trum; die Ver­wen­dung digi­ta­ler Tech­no­lo­gien im Thea­ter hin­ge­gen tre­te in den Hin­ter­grund. Eine zen­tra­le Beob­ach­tung zum Thea­ter der Digi­tal Nati­ves lau­tet dabei: Im Thea­ter der Digi­tal Nati­ves „[bege­ben] sich Vertreter/innen unter­schied­li­cher Genera­tio­nen […] in eine ergeb­nis­of­fe­ne Aus­ein­an­der­set­zung über die Welt. Kin­der und Jugend­li­che erle­ben sich nicht als User/innen, son­dern als selbst­be­wuss­te Expert/innen, Mitgestalter/innen und Hacker/innen“ (Bar­ca/­Gra­win­kel-Claas­sen/­Tie­de­mann 2020: 19).

Mit Blick auf das SDL fin­det sich die­se Beob­ach­tung durch­aus bestä­tigt. Bei­spiel­haft ist hier­für die Tatto(o)Theater-Pro­duk­ti­on aus Rhein­land-Pfalz. Im Nach­ge­spräch war von Sei­ten des Spiel­lei­tungs-Duo Tan­ja Fin­ne­mann und Vol­ker Weinz­hei­mer zu hören, dass die Jugend­li­chen die sto­ry, die Cha­rak­te­re der Spiel­fi­gu­ren usw. mehr oder weni­ger allei­ne erar­bei­tet hät­ten und sich damit die gän­gi­ge Rol­len­ver­tei­lung von Spiel­lei­tung und Spieller*innen auf­ge­löst habe. Es sei ein Pro­jekt der Jugend­li­chen gewe­sen, sie – als Spiel­lei­tung – hät­ten die Rol­len von Dramaturg*innen über­nom­men. Für mich hat sich hier das Kon­zept von Jugend­li­chen als Expert*innen tat­säch­lich ein­ge­löst, was inso­fern erfreu­lich ist, als nach mei­nem Ein­druck der Expert*innenbegriff in den letz­ten Jah­ren zu einer lee­ren Wort­hül­se ver­kom­men ist.

Bei der Bezeich­nung der „Digi­tal Nati­ves“ han­delt es sich um einen Ter­mi­nus, der in den letz­ten Jah­ren im Feuil­le­ton, aber auch in der Wis­sen­schaft breit kur­siert. Dabei han­delt es sich um eine Wort­schöp­fung des US-ame­ri­ka­ni­schen Autors Marc Pren­sky, der in sei­nem Essay aus dem Jahr 2001 die nach 1980 gebo­re­nen Jugend­li­chen und deren Umgang mit den neu­en Medi­en unter die­ser Bezeich­nung fasst (PDF).

In einem Arti­kel in der FAZ bei­spiels­wei­se wer­den die „Digi­tal Nati­ves“ wie folgt cha­rak­te­ri­siert: „Sie sind stän­dig von digi­ta­len Gerä­ten umge­ben und Meis­ter des Mul­ti-Tas­king. Sie bezie­hen Nach­rich­ten – ‚News‘ – vor allem aus dem Inter­net und spie­len ‚Games‘, statt Bücher zu lesen. ‚Digi­tal Nati­ves‘ sind jener Bevöl­ke­rungs­teil, der in eine digi­tal ver­netz­te Infor­ma­ti­ons­welt hin­ein­ge­bo­ren wur­de und nicht mehr zwi­schen Cyber­space und ‚rea­ler‘ Welt unterscheidet.“

Aber auch im Bereich der Jugend­for­schung spielt der Begriff eine Rol­le. In der jüngs­ten Shell-Jugend­stu­die von 2019 wird er auf­ge­grif­fen, um, wie die Autor*innen schrei­ben, einen „cha­rak­te­ris­ti­schen Wesens­zug der […] jun­gen Genera­ti­on ein­fan­gen zu kön­nen“ (Leven/Utzmann 2019: 251).

Wei­te­re Jugend­stu­di­en las­sen sich fin­den, die dar­über infor­mie­ren, wie die jun­ge Genera­ti­on in Bezug auf das Digi­ta­le „so tickt“. Im Rah­men einer Stu­die von pwc wird bei­spiels­wei­se das Bild einer Jugend ent­wor­fen, die tech­ni­kaf­fin und immer online sei.

Auch wenn sich die Ergeb­nis­se die­ser Umfra­gen in ihrer Beschrei­bung dif­fe­ren­ziert dar­stel­len, zielt die empi­ri­sche Jugend­for­schung auf Ver­all­ge­mei­ne­run­gen und Typi­sie­run­gen, die – unter­stützt durch die Medi­en – auch gesell­schaft­lich kur­sie­ren. Die Wis­sen­schaft wirkt zen­tral an der Beschrei­bung von Jugend­bil­dern in der Gesell­schaft mit, wie ins­be­son­de­re die regel­mä­ßig erschei­nen­de Shell-Jugend­stu­die. Mit Blick auf das Kon­strukt der Digi­tal Nati­ves ist dann davon aus­zu­ge­hen, dass auch die Thea­ter­päd­ago­gik davon Notiz nimmt, wor­an sich die Fra­ge knüpft: Wie wird mit die­ser (Generations)Typisierung und den damit ein­her­ge­hen­den Zuschrei­bun­gen im Thea­ter gearbeitet?

Im Sin­ne einer Such­be­we­gung ver­su­che ich die­ser Fra­ge im Fol­gen­den anhand von Pro­duk­tio­nen nach­zu­ge­hen, die beim SDL ein­ge­la­den waren. Dabei habe ich sol­che Pro­duk­tio­nen gewählt, die Anlass bie­ten, in die­sen Denk­pro­zess ein­zu­stei­gen. Mir geht es um die Dis­kus­si­on und Refle­xi­on, nicht dar­um, die Pro­duk­tio­nen in irgend­ei­ner Wei­se zu bewerten.

HESSEN – APPSOLUTELY – Wir, ich und die Apps

Die Pro­duk­ti­on beginnt damit, dass die Jugend­li­chen zunächst auf wit­zi­ge Art und Wei­se ihren Home­schoo­ling-All­tag und die damit ver­bun­de­nen (tech­ni­schen) Her­aus­for­de­run­gen (Stich­wort: ist mein Mikro schon an?) zei­gen. Im Fol­gen­den haben Insta­gram und wei­te­re Apps ihren Auf­tritt, es wird gewis­ser­ma­ßen social media (nach)gespielt: Eine Schü­le­rin tritt ins Bild. Sie trägt einen schwar­zen Pull­over, auf dem das Insta­gram Logo abge­druckt ist. Sie spricht fol­gen­den Text: „Schau dir die neu­en Sto­rys an, like die Bil­der, mach eine Sto­ry, das könn­te dir gefal­len, dei­ne Freun­de wol­len ein Kom­men­tar sehen…“. Dann hat die Wer­bung ihren Auf­tritt, die 20 % Rabatt bei About you (Inter­net­händ­ler für Beklei­dung) ver­kün­det. Es fol­gen Snap­chat und Tik­Tok mit einer Lip­pen­syn­chron-Impro. Twit­ter berich­tet, wer alles get­wit­tert hat (u.a. Prinz Charles). Den letz­ten Auf­tritt hat das Netz­werk face­book, das in der Figur der Oma dar­ge­stellt wird. Zu sehen ist eine Spie­le­rin, die in gebeug­ter Hal­tung und mit Krück­stock ins Bild läuft (ein Ste­reo­typ von hoch­alt­ri­gen Men­schen, das häu­fig im Thea­ter mit Jugend­li­chen zu sehen ist und als sol­ches kri­tisch zu hin­ter­fra­gen wäre).

App-Figu­ren

Dann geht es um das The­ma darknet. Eine Per­son mit ver­zerr­ter Stim­me gibt eine Defi­ni­ti­on und ich sehe eine Schüler*in, die sich über darknet infor­miert, Fra­gen in die Such­ma­schi­ne eingibt.

Darknet

Wei­te­re Defi­ni­tio­nen die­ser Art fol­gen, zum Begriff App, Influ­en­ce­rin und Chat­fi­sh. Ich ver­fol­ge einen Chat­ver­lauf, in der jemand einen Hass­kom­men­tar pos­tet und eine Chal­len­ge um likes, an deren Ende es still wird, da eine Per­son jeman­den geblockt hat. Gezeigt wird ein Thea­ter, das „auf­klärt“ (u.a. über Inter­net­kri­mi­na­li­tät), pro­ble­ma­ti­siert und ein Stück weit auch belehrt (wer sich nicht infor­miert, ist selbst schuld). Dabei sind es die Spieler*innen selbst, die mich auf­klä­ren, d.h. über die Tücken des Inter­nets erzäh­len, die ihr Wis­sen über social media prä­sen­tie­ren. Die Sze­nen ver­mit­teln den Ein­druck, dass hier Jugend­li­che auf der (vir­tu­el­len) Büh­ne ste­hen, die in Sachen Inter­net auf­ge­klärt sind, die sich infor­miert und recher­chiert haben, ja die medi­en­kom­pe­tent sind. Von einem ähn­li­chen, auf­klä­re­ri­schen Duk­tus zeugt auch die Sequenz, in der es um Tipps zum Abneh­men geht, die auf Insta­gram zu fin­den sind. Wer die­se aus­pro­biert, ist selbst schuld bzw. wird dann ein­fach kurz ohn­mäch­tig, weil Schluffi-Schlank-Pil­len dann doch diver­se Neben­wir­kun­gen haben. Die Mes­sa­ge lau­tet: Glaubt nicht alles, was im Inter­net steht.

In sei­nen Erläu­te­run­gen zu einer zeit­ge­nös­si­schen Form poli­ti­schen Thea­ters spricht Patrick Pri­ma­vesi im Ver­weis auf über­hol­te Kon­zep­tio­nen des Poli­ti­schen – gemeint ist das poli­ti­sche Thea­ter der 70er-Jah­re, bei dem das Auf­ar­bei­ten poli­ti­scher The­men oder die Pro­kla­ma­ti­on ideo­lo­gi­scher Bot­schaf­ten im Fokus stand –  von einer Ent­mün­di­gung des Publi­kums. Er erteilt einem (poli­tisch) beleh­ren­den Auf­klä­rungs­thea­ter eine Absa­ge, rät zur Ein­sicht in die „Wir­kungs­lo­sig­keit der Pro­kla­ma­ti­on guter Mei­nun­gen und auf­klä­rend-kri­ti­scher Gedan­ken“ (Pri­ma­vesi 2011: 47). Ähn­li­ches fin­det sich auch bei Hans Thies Leh­mann, der zur „Ver­mei­dung der mora­lis­ti­schen Fal­le“ rät, die an eine „spon­ta­ne gemein­sa­me Reak­ti­on“ auf der Grund­la­ge „nur all­zu scheinhafte[r] Gewiss­hei­ten der Unter­schei­dung zwi­schen Gut und Böse“ appel­liert (Leh­mann 2011: 37).

War­um die­ser gedank­li­che Ein­schub an die­ser Stel­le? Die Kri­tik am sog. Auf­klä­rungs­thea­ter ist inso­fern inter­es­sant, als sie den Blick öff­net dafür, wer wen „auf­klärt“ bzw. wem was prä­sen­tiert wird – vor allem aber: wie.

Die Insze­nie­rung APPSOLUTELY setzt sich aus einer Rei­he von (Kurz-)Vorträgen zusam­men. Die Schüler*innen tre­ten ins Bild und dabei in ers­ter Linie als Schüler*innen in Erschei­nung, die einen Vor­trag hal­ten. Das Recher­che­ma­te­ri­al wird hier im Stil eines (schu­li­schen) Refe­rats vor­ge­tra­gen und lässt damit ein Stück weit das Poten­ti­al unge­nutzt, damit zu spie­len. Mein Kri­tik­punkt ist nicht der, dass die Schüler*innen ihr Wis­sen über social media auf der Büh­ne vor­tra­gen. Viel­mehr geht es mir um die Fra­ge: Wie set­zen sich die Jugend­li­chen in Sze­ne? Ich sehe denn in ers­ter Linie Schüler*innen, die ein Bild von sich als auf­ge­klär­te Jugend­li­che auf der Büh­ne re-/prä­sen­tie­ren, wobei ich mich fra­ge: wel­chem Bild – oder auch wel­chen Erwar­tun­gen – ent­spre­chen sie, dem der Erwach­se­nen, Leh­ren­den oder ande­rer Jugendlicher?

Neben die­sen „Auf­klä­rungs­se­quen­zen“ gibt es auch Sze­nen, in denen die Jugend­li­chen mit For­men von Selbst­in­sze­nie­rung auf social media spie­len und dabei Stra­te­gien der Ver­frem­dung und Dekon­struk­ti­on ver­wen­den. Zu sehen sind zwei Spieler*innen, die läs­sig auf einer Park­park „abhän­gen“. Sie tra­gen blaue Perü­cken und spre­chen fol­gen­den Satz in die Kame­ra: „Schau mal Schatz, wenn du hübsch aus­se­hen möch­test, dann musst du lei­der Pho­to­shop benutzen“.

Es fol­gen Vor­her-Nach­her-Fotos, Pho­to­shop­se­quen­zen, die zei­gen, wie der Kör­per bear­bei­tet wird, in die­sem Fall schlan­ker gemacht wird. Dann spricht die Spie­le­rin mit Perü­cke in die Kame­ra: „Ich mei­ne, man muss ja irgend­wie raus­ste­chen, um eine Beson­der­heit zu sein.“ Dar­auf­hin sehen wir die Spie­le­rin, wie sie vorm Spie­gel steht und ihre Lip­pen deut­lich über­zeich­net, bis das gesam­te Gesicht mit rotem Lip­pen­stift bedeckt ist. In die­ser Sze­ne füh­ren die Spieler*innen Stra­te­gien der Selbst­dar­stel­lung auf social media vor, d.h. sie legen die­se offen. Die Sze­ne zielt weni­ger auf Auf­klä­rung ab, da die Spieler*innen selbst­re­fle­xiv mit dem Bild der Star-Jugend­li­chen spie­len. Dabei bedie­nen sie sich bestimm­ter Mit­tel, wie der Perü­cke, die den Ein­druck der Künst­lich­keit, des „Ge-fak­ten“ her­aus­stellt. Auch wird hier das Bild von der „schö­nen jun­gen Frau“ durch das feh­ler­haf­te Nach­zeich­nen der Lip­pen­kon­tur dekon­stru­iert, zugleich die sexua­li­sier­te Dar­stel­lung des weib­li­chen Kör­pers offengelegt.

Pho­to­shop

Dra­ma­tur­gisch betrach­tet schließt die Insze­nie­rung mit einem posi­ti­ven Bild: eine Jugend, die die Vor- und Nach­tei­le von social Media kri­tisch reflek­tie­ren kann. Auch hier lässt sich die Fra­ge nach Fremd- und Selbst­bild stel­len, die – dies möch­te ich beto­nen – nicht auf Kri­tik abzielt, son­dern viel­mehr zum kri­ti­schen Nach­den­ken anre­gen soll: Was wol­len wir (Erwach­se­ne) von Jugend­li­chen auf der Büh­ne sehen? Die­se Fra­ge stellt sich nicht nur mit Blick auf ein­zel­ne Pro­duk­tio­nen, son­dern auch mit Blick auf das Fes­ti­val selbst. Wel­ches Bild von Jugend (im digi­ta­len Zeit­al­ter) wird im Rah­men eines sol­chen Fes­ti­vals reprä­sen­tiert? Ange­spro­chen sind die Vor­stel­lun­gen und Zuschrei­bun­gen, die wir uns – als erwach­se­ne Thea­ter­schaf­fen­de, die mit Jugend­li­chen thea­ter­päd­ago­gisch arbei­ten – von der „Jugend“ machen und mit denen wir „Jugend“ kon­stru­ie­ren. Was tra­gen wir an (Vor-)Annahmen von und über Jugend­li­che in uns und in die Welt des Thea­ters hin­ein? Was ist unser Bild von „Jugend“, wel­ches Bild haben die Jugend­li­chen von sich (selbst)?

HAMBURG – Eins_oder_Null

Die Ham­bur­ger Pro­duk­ti­on hat­te mit dem Goe­the­schen Faust-Stoff gear­bei­tet: Gret­chen und Faust ler­nen sich – wie soll­te es in Zei­ten des Digi­ta­len auch anders sein – auf einer Dating Platt­form ken­nen. Wer eine sol­che Platt­form schon ein­mal genutzt hat, weiß, wie die­se zu benut­zen ist und was dann auch auf der Büh­ne gezeigt wird: Foto anschau­en, und dann wird ent­we­der nach links gewischt oder wie im Fall von Gret­chen und Faust nach rechts, sodass es „matched“. Nach einem kur­zen Aus­tausch via Chat (der auf die Lein­wand pro­ji­ziert wird) folgt ein Tref­fen via Video­kon­fe­renz, die dann aber live auf der Büh­ne dar­ge­stellt wird. Hier­für stel­len sich die Jugend­li­chen buch­stäb­lich ins Bild (Fens­ter) und legen dabei Prak­ti­ken der Selbst­in­sze­nie­rung auf social media offen. „Wir alle spie­len Thea­ter“ – mit die­sem Buch hat der Sozio­lo­ge Erving Goff­man den Blick auf For­men all­täg­li­cher Selbst­dar­stel­lung gelenkt. Im Zusam­men­hang mit Kom­mu­ni­ka­ti­on spielt Selbst­in­sze­nie­rung eine Rol­le, die es – um nicht als Selbst­dar­stel­ler geoutet zu wer­den – mög­lichst zu ver­ber­gen gilt. Wäh­rend mir bei der Begeg­nung mit ande­ren in der ana­lo­gen Welt in ers­ter Linie der Kör­per (Mimik, Ges­tik, Klei­dung…) als Mit­tel der (Selbst-)Darstellung dient, bie­tet das Inter­net noch wei­te­re Mög­lich­kei­ten, um mich mei­nem Gegen­über zu prä­sen­tie­ren. Genau die­sen Aspekt grei­fen die Spieler*innen auf humor­vol­le Art und Wei­se auf, indem sie Selbst­in­sze­nie­rung im Video­hin­ter­grund zei­gen (vor­füh­ren). Die Spieler*innen ste­hen in Vie­rer-Grüpp­chen rechts und links auf der Büh­ne. Wäh­rend die vor­de­ren zwei Spieler*innen Gret­chen und Mar­tha bzw. Faust und Mephis­to dar­stel­len, mimen die zwei hin­te­ren Spieler*innen den Hin­ter­grund oder viel­mehr stel­len sie das Bild nach. Zu sehen ist, wie Mephis­to (der Faust in Lie­bes­sa­chen berät) die zwei ande­ren Spie­ler mit Büchern und Han­teln aus­stat­tet. Mar­tha (die wie­der­um Gret­chen in Lie­bes­sa­chen berät) stellt die Spieler*innen mit Pflan­ze und BH ins Bild. Die Spieler*innen füh­ren an die­ser Stel­le die Prak­ti­ken der Selbst­in­sze­nie­rung (#fak­ein­sze­nie­rung) auf social media auf der Büh­ne auf und vor. Zu sehen ist ein selbst­re­fle­xi­ves Spiel der Jugend­li­chen mit media­ler Selbst­dar­stel­lung (-opti­mie­rung).  

Twit­ter und Selbst­in­sze­nie­rung im Videohintergrund

Das SDL setzt inso­fern ein Zei­chen, als die Pro­duk­tio­nen auf die Poten­zia­le des Schul­thea­ters ver­wei­sen, auf Momen­te gemein­sa­mer Refle­xi­on und des Nach­den­kens der Schüler*innen und Lehrer*innen über das Auf­wach­sen in der post­di­gi­ta­len Welt. Das Fes­ti­val selbst könn­te m.E. noch stär­ker als Denk­raum genutzt wer­den: als gemein­sa­mes Nach­den­ken und Reflek­tie­ren dar­über, in wel­che Dis­kur­se und Bil­der von und über Jugend sich das Thea­ter ein­schreibt, wel­che Zuschrei­bun­gen auf der Büh­ne repro­du­ziert wer­den, in wes­sen Inter­es­se und mit wel­chen Absich­ten und Zie­len etwas dar­ge­stellt wird.

Und eins steht fest: ich bin sowas von 2020 und noch weit dahinter…

SDL- Media­thek
Wir stel­len alle Auf­füh­run­gen des SDL in unse­rer Fes­ti­val­me­dia­thek bereit. Tickets kön­nen für 29,90 Euro (regu­lär), 19,90 Euro (Mit­glie­der BVTS / Ver­bän­de) oder 9,90 Euro (wenn du einen Gäs­te­pass gekauft hast) erwor­ben wer­den. Zah­le per Über­wei­sung oder Paypal und erhal­te sofort Zugriff auf alle unten auf­ge­führ­ten Mit­schnit­te. Das Pass­wort erhältst du, sobald dei­ne Zah­lung ein­ge­gan­gen ist (bei Paypal sofort!). 

Bar­ca, Iri­na-Simo­na/ Gra­win­kel-Claas­sen, Katja/ Tie­de­mann, Kath­rin (2020) Das Thea­ter der Digi­tal Nati­ves. Ein­übung in Sze­na­ri­en des Wie­der­stands und der Empa­thie. In: Hein­rich-Böll-Stif­tung und nachtkritik.de (Hg.) Netz­thea­ter. Posi­tio­nen, Pra­xis, Pro­duk­tio­nen. Hein­rich Böll Stif­tung. Schrif­ten zu Bil­dung und Kul­tur. Bd. 14. Groß­bee­ren, 15–19, als kos­ten­lo­ses PDF down­zu­loa­den.

Brai­nard, Joe (2001) I Remem­ber. New York City

Jöris­sen, Ben­ja­min (2020) Digi­tal Natu­re. In: Zeit­schrift für Schul­thea­ter „theater:digital“. Nr. 41/2020, 6–8.

Leh­mann, Hans-Thies (2011) Wie poli­tisch ist Post­dra­ma­ti­sches Thea­ter?. In: Deck, Jan/ Sieburg, Ange­li­ka (Hg.) Poli­tisch Thea­ter machen: neue Arti­ku­la­ti­ons­for­men des Poli­ti­schen in den dar­stel­len­den Küns­ten. Bie­le­feld, 29–40.

Leven, Ingo/ Utz­mann, Hil­de (2019) „Die Viel­falt der Dig­i­ti­al Nati­ves“. In: Shell Deutsch­land Hol­ding (Hg.) Jugend 2019. Eine Genera­ti­on mel­det sich zu Wort. Opla­den, 247–287.

Pri­ma­vesi, Patrick (2011) „Theater/Politik – Kon­tex­te und Bezie­hun­gen.“ In: Deck, Jan/ Sieburg, Ange­li­ka (Hg.) Poli­tisch Thea­ter machen: neue Arti­ku­la­ti­ons­for­men des Poli­ti­schen in den dar­stel­len­den Küns­ten. Bie­le­feld, 41–72.

Ina Driemel
Ina Driemel 

Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin und Thea­ter­päd­ago­gin. Ihre Arbeits­schwer­punk­te in Theo­rie und Pra­xis bewe­gen sich an der Schnitt­stel­le von Ver­mitt­lung, schu­li­scher und außer­schu­li­scher Thea­ter­ar­beit und pro­duk­ti­ons­ori­en­tier­ter Thea­ter­päd­ago­gik. Sie war wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin des Gra­du­ier­ten­kol­legs „Das Wis­sen der Küns­te“ an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin (2015−2018). Seit 2019 ist sie wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Ästhe­tisch-Kul­tu­rel­le Bil­dung, Abtei­lung Dar­stel­len­des Spiel, Thea­ter und Per­for­mance an der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Flens­burg. Pro­mo­ti­on an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin zum The­ma „Kon­struk­tio­nen von Jugend in der Theaterpädagogik“.

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