Was kann Tanz, was Worte nicht können? Wie wird der Körper zum erzählenden Medium? Und welche Rolle spielen TikTok-Tänze und digitale Trends für die kulturelle Bildung? Diesen und weiteren Fragen widmete sich der heutige Fachtag des Schultheaters der Länder 2026 an der Frankfurt University of Applied Sciences.
Unter dem diesjährigen Festivalthema „Schultheater.Tanz(t)“ kamen Expert*innen aus Wissenschaft, Tanzvermittlung und Schulpraxis zusammen, um unterschiedliche Perspektiven auf Tanz und Theater zu eröffnen. Der Fachtag bietet dabei Raum für eine vertiefte fachliche Auseinandersetzung mit dem Festivalthema: Wissenschaftliche Erkenntnisse treffen auf praktische Erfahrungen aus dem Unterricht, neue Impulse werden diskutiert und gemeinsam weitergedacht.
Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Maren Harnack und Prof. Dr. Gero Lipsmeier eröffnete Prof. Dr. Sebastian Matthias den fachlichen Austausch mit seiner Keynote „#btw: Tänzerische Perspektiven auf postdigitale Herausforderungen in der kulturellen Bildung“.
Dabei rückte er insbesondere die Bedeutung digitaler Tanzkulturen in den Mittelpunkt. TikTok-Tänze und virale Trends sind längst Teil der Lebenswelt vieler Kinder und Jugendlicher. Sie ermöglichen individuelle Ausdrucksformen, schaffen Gemeinschaft und eröffnen neue Möglichkeiten kultureller Teilhabe. Gleichzeitig warf Matthias die Frage auf, welche Bedeutung Authentizität, Körperbilder und Selbstinszenierung in einer zunehmend digital geprägten Gesellschaft haben. Für das Schultheater ergibt sich daraus eine spannende Herausforderung: Wie können die tänzerischen Erfahrungen der Schüler*innen aus ihrer digitalen Lebenswelt aufgegriffen und in einen gemeinsamen künstlerischen Prozess überführt werden?
Wie dies ganz konkret im Theaterunterricht gelingen kann, zeigten anschließend Silke Gerhardt, Theater- und Tanzlehrkraft am Goethe-Gymnasium Schwerin, und Sonia Franken, Choreografin, Tanzvermittlerin und Tanzwissenschaftlerin. In ihrem gemeinsamen Impuls zur Tanztheaterpraxis verbanden sie theoretische Grundlagen mit konkreten Erfahrungen aus der schulischen Theaterarbeit.
Silke Gerhardt berichtete aus ihrer eigenen Unterrichtspraxis und eröffnete damit einen unmittelbaren Einblick in die Möglichkeiten tänzerischer Arbeit mit Schüler*innen. Gemeinsam mit Sonia Franken stellte sie unter anderem die Laban-Bewegungsanalyse vor, die mit den vier Dimensionen Körper, Raum, Zeit und Kraft eine praktische Grundlage für die Entwicklung und Beobachtung von Bewegung bietet.
Dabei wurde deutlich, dass Tanz nicht zwangsläufig komplizierte Schrittfolgen oder besondere tänzerische Vorerfahrungen voraussetzt. Schon alltägliche Bewegungen können durch Experimentieren, Variieren und Weiterentwickeln zu künstlerischem Ausdruck werden.
Ein besonders spannender Gedanke ihres Impulses: „Tanz ist nicht unverständlich – er ist vieldeutig.“ Gerade diese Offenheit eröffnet dem Schultheater neue Möglichkeiten. Schüler*innen können eigene Themen körperlich erforschen, unterschiedliche Ausdrucksformen erproben und lernen, Bewegungen zunächst bewusst wahrzunehmen, bevor sie diese interpretieren oder bewerten.
Auch die Zusammenarbeit zwischen Schulen und außerschulischen Tanzinstitutionen rückte in den Fokus. Juliane Rasche sprach im Interview mit Susanne Kock über die Erfahrungen aus der Kooperation des Zentrums Junger Tanz mit Schulen. Während Rasche die Perspektive der Tanzvermittlung einbrachte, berichtete Kock als Lehrkraft von ihren Erfahrungen aus der Schulpraxis. Der Austausch eröffnete Einblicke in die Zusammenarbeit zwischen professioneller Tanzvermittlung und schulischem Unterricht und zeigte, wie beide Perspektiven einander ergänzen können.
Am Nachmittag hatten die Teilnehmenden in verschiedenen Workshops Gelegenheit, die Impulse des Vormittags praktisch aufzugreifen, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich über die Möglichkeiten tänzerischer Arbeit im Schultheater auszutauschen.
Der Fachtag machte deutlich, wie vielfältig die Zugänge zum Tanz im Schultheater sein können: von digitalen Tanztrends über die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers bis hin zur gemeinsamen Entwicklung choreografischer und theatraler Ausdrucksformen. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die Frage, wie Schüler*innen ihre eigenen Themen, Erfahrungen und Perspektiven durch Bewegung sichtbar machen können.
Denn manchmal braucht es keine Worte, um etwas zu erzählen, sondern einfach den Mut, sich zu bewegen.