Schon die Einstiegsrunde machte deutlich, wie vielfältig die Perspektiven im Raum waren. Fragen wie „Wer bin ich?“, „Warum tanze ich?“ und „Was tanze ich?“ eröffneten persönliche Zugänge und schufen einen ersten gemeinsamen Resonanzraum. Tanz wurde hier nicht als Technik deutlich, sondern als Ausdruck von Erfahrung, Identität und Haltung.
Der Einstieg in die praktische Arbeit irritierte bewusst: Ein scheinbar bekanntes Spiel – Stopp-Tanz. Doch die Regeln? Wurden nicht erklärt. Und dennoch hielten alle inne, als die Musik stoppte. Warum eigentlich? Wer gibt die Regeln vor? Und was passiert, wenn wir sie hinterfragen? Darf ich weitertanzen? Muss ich mich anpassen? Schon diese erste Übung machte spürbar, wie stark unser Verhalten von impliziten Erwartungen geprägt ist und wie sehr Kontext und Setting unser Empfinden beeinflussen.
Im weiteren Verlauf des Workshops rückte die Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen in den Mittelpunkt. Wer führt? Wer folgt? Und wie fühlt sich das im eigenen Körper an? In Partnerübungen entstand ein fein austariertes Wechselspiel zwischen Verantwortung und Anpassung, zwischen Kontrolle und Loslassen. Die Teilnehmenden erlebten, wie herausfordernd – und gleichzeitig bereichernd – es ist, Führung zu teilen und gemeinsam einen Gestaltungsraum zu entwickeln. Kommunikation fand dabei vor allem nonverbal statt: über Bewegung, Körperspannung, Aufmerksamkeit. Fehler wurden nicht sanktioniert, sondern als Teil des Prozesses angenommen.
Diese körperlichen Erfahrungen führten direkt zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Adultismus – einer oft unsichtbaren, aber wirkmächtigen Form von Diskriminierung. Adultismus beschreibt das strukturelle Machtungleichgewicht zwischen Erwachsenen und jungen Menschen. In pädagogischen Kontexten zeigt sich dies häufig darin, dass Erwachsene Entscheidungen treffen, Regeln setzen und Räume definieren – oft, ohne sich dieser Macht bewusst zu sein.
Doch Räume sind nicht neutral. Sie sind geprägt von gesellschaftlichen Strukturen wie Rassismus, Klassismus und Ableismus und diese schreiben sich in unsere Körper ein. Sie zeigen sich in Blicken, in Haltungen, in Bewegungsmustern. Tanz kann diese Strukturen reproduzieren oder sie sichtbar machen und verändern.
Kinder erfahren täglich, wer gesehen wird und wer nicht, wer Raum einnehmen darf und wer sich anpassen muss. Diese Erfahrungen sind nicht nur kognitiv, sondern tief körperlich verankert. Wenn ein Kind wiederholt erlebt, dass seine Bewegungen „nicht richtig“ sind, dass es sich an normierte Formen anpassen soll, kann das seine Selbstwahrnehmung und Autonomie nachhaltig beeinflussen.
Hier setzt eine diskriminierungssensible Tanzvermittlung an: Sie versteht den Körper als Wissensträger und schafft Räume, in denen Vielfalt nicht nur erlaubt, sondern erwünscht ist. Statt Anpassung steht Autonomie im Mittelpunkt. Statt Bewertung geht es um Wahrnehmung, Ausdruck und Mitgestaltung.
Der Workshop mit Debby Mintah-Oberüber machte eindrücklich deutlich: Tanz ist politisch. Er kann Hierarchien verstärken oder aufbrechen. Er kann ausschließen oder empowern. Entscheidend ist, wie wir Räume gestalten, wie wir Macht reflektieren und wie wir Kindern begegnen.
Die Impulse aus diesem Workshop wirken über den Moment hinaus. Sie laden dazu ein, die eigene Praxis kritisch zu hinterfragen und neue Wege zu gehen – hin zu einer Tanzvermittlung, die auf Augenhöhe stattfindet und Kindern echte Gestaltungsmacht gibt.
Denn wenn Tanz als Raum für Autonomie verstanden wird, kann er zu einem kraftvollen Gegenentwurf zu diskriminierenden Erfahrungen werden und zu einem Ort, an dem sich alle Körper gesehen, gehört und gestärkt fühlen.
- Ein Beitrag von Sina Kuhlins