Einfach mal die Augen schließen und der Realität entfliehen. Den Träumen freien Lauf lassen, Gedanken über die Zukunft schweifen lassen, Wünsche und Sehnsüchte entdecken, aber auch Ängsten und Zweifeln begegnen. Was wäre, wenn diese inneren Vorstellungen plötzlich Wirklichkeit würden und uns mitrissen in eine abstrakte Welt, in der alles möglich scheint? Auf genau diese Reise durch die Welt der Träume und Gedanken nahm uns das Friedrich-Engels-Gymnasium mit seiner Eigenproduktion „Hinter geschlossenen Augen“ mit.
Alles beginnt mit alltäglichen Gesten, die auf der mit weißen Würfeln bestückten Bühne zunächst eine vertraute Atmosphäre entstehen lassen. Das Glitzern auf den Köpfen und das blau-rosa Make-up der Spielenden funkeln auffällig im Scheinwerferlicht. Gemeinsam mit der rhythmischen Musik, in die sich die wiederkehrenden Bewegungen einfügen, entsteht ein fließender, beinahe tänzerischer Übergang in die Welt der Träume, Illusionen und Gedanken, die sich hinter geschlossenen Augen offenbart.
Diese Welt ist geprägt von Liebe und Zukunftsvisionen, aber auch von Angst, Trauer und Schmerz, die durch ausdrucksstarke, raumgreifende Bewegungen der Spielenden sichtbar werden. Eine dreieckige Formation eröffnet dabei unterschiedliche Perspektiven auf die Gedankenwelt, in der alle Darstellenden ihre ganz persönlichen Traumerfahrungen zum Ausdruck bringen.
Doch die Träumenden sind nicht allein. Zwei Wächterinnen, die diese Welt zu kontrollieren scheinen, treten in den Vordergrund des Geschehens. Mit ruhigen, beinahe fürsorglichen Gesten tragen sie leuchtende Kugeln in die gerade entstandene Traumwelt. Die rosafarbene Kugel der einen Spielerin fügt sich harmonisch in ihr Kostüm aus rosa Tütü und Perücke ein. Im deutlichen Kontrast dazu steht die zweite Figur, deren Erscheinungsbild sich ganz im blauen Farbspektrum bewegt. Beide scheinen das Geschehen zu kontrollieren und aktiv Einfluss auf die Gruppe der Träumenden zu nehmen.
Doch auch die Menschen selbst scheinen Einfluss auf die Wächterinnen zu haben. In einer impulsreichen Halbkreisformation werden diese mit Gedanken und Erlebnissen aus dem Alltag geradezu gefüttert. Die Erfahrungen der Spielenden werden durch Bewegungen und körperliche Impulse auf die beiden Figuren übertragen. Es entsteht die Assoziation, dass unsere alltäglichen Erlebnisse und Erfahrungen auch unsere Traumwelt beeinflussen. Die Wächterinnen erscheinen dadurch nicht mehr nur als gegensätzliche Kontrollinstanzen der Träume, sondern vielmehr als Verkörperungen verschiedener Prozesse unseres Unterbewusstseins, die unsere Gedankenwelten formen und beeinflussen.
Wie auch im wirklichen Leben werden wir manchmal von unseren Gedanken hin- und hergerissen, überdenken Situationen und verlieren uns im Grübeln. Was sich durch das zweifarbige Make-up bereits zu Beginn andeutete, entfaltet nun seine volle Bedeutung: Die unterschiedlichen Seiten unserer Gedankenwelt treten deutlich hervor. Auf der einen Seite stehen die beflügelnden, positiven Gedanken, die durch synchrone und harmonische Bewegungen dargestellt werden. Ihnen gegenüber stehen die negativen Gedanken, verkörpert durch die Spielerin mit der blauen Kugel. Eifersucht, Hass, Trauer und Wut bestimmen ihre Welt.
Die Spielenden werden nun im wahrsten Sinne des Wortes zwischen diesen beiden Seiten hin- und hergerissen. Durch ihre körperlichen Bewegungen wird der innere Konflikt eindrucksvoll nach außen getragen. Was sonst verborgen in unseren Köpfen stattfindet, wird auf der Bühne für das Publikum sichtbar und beinahe körperlich spürbar.
Doch die blaue Wächterin scheint zunehmend eifersüchtig auf die Macht der positiven Gedanken zu werden. Zwischen den beiden Figuren entbrennt ein Kampf, bei dem schließlich die dunklen Gedanken die Oberhand gewinnen. Die zuvor harmonische Atmosphäre weicht einer spürbaren Bedrücktheit, die sich unmittelbar in den Bewegungen und der Körpersprache der Spielenden widerspiegelt.
Ganz vergessen scheinen die Gedanken an Gemeinschaft, Zuversicht und Frieden jedoch nicht zu sein. Ein letzter positiver Gedanke versucht, sich gegen die Übermacht der Zweifel zu behaupten. Verkörpert durch eine einzelne Spielerin, kämpft er sich durch eine dichte Menschenmenge, deren ausgestreckte Arme immer wieder nach ihr greifen und sie zurückzuhalten versuchen. Die inneren Zweifel werden zu einem beinahe unüberwindbaren Hindernis, gegen das sie mit aller Kraft ankämpft.
Als Publikum fiebert man mit, hofft, dass es ihr gelingt, sich aus diesem Geflecht negativer Gedanken zu befreien und wieder Klarheit in die Traumwelt zu bringen. Schließlich setzt sich der positive Gedanke durch und eröffnet die Möglichkeit, die innere Gedankenwelt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis, dass uns negative Gedanken, Zweifel und das ständige Grübeln zwar beeinflussen können, wir ihnen aber nicht die vollständige Kontrolle über unsere innere Welt überlassen müssen. Wir haben immer wieder die Möglichkeit, uns an schöne Momente und Träume zu erinnern, an unseren Wünschen festzuhalten und daran zu arbeiten, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Natürlich gehören Zweifel und Ängste zum Leben dazu. Entscheidend ist jedoch, wie viel Raum wir ihnen geben und ob wir es schaffen, auch den positiven Gedanken in uns Gehör zu verschaffen.
Der Spielgruppe des Friedrich-Engels-Gymnasiums ist es gelungen, die unsichtbare Welt hinter den geschlossenen Augen für alle sichtbar zu machen. Mithilfe von Musik, Rhythmus und einer ausdrucksstarken, nonverbalen Körpersprache brachten die Spielenden ihre ganz persönlichen Gedankenwelten auf die Bühne. Dabei entstand eine Inszenierung, die nicht nur Einblicke in die inneren Welten der Darstellenden eröffnete, sondern auch dazu einlud, die eigene Gedankenwelt zu hinterfragen. Denn auch wenn wir mit unseren Gedanken manchmal ganz allein zu sein scheinen, sind wir es mit den Zweifeln, Ängsten, Hoffnungen und Momenten der Euphorie, die wir in uns tragen, niemals wirklich.