Wie bringt man Fluchterfahrungen auf die Bühne, wenn man selbst nie fliehen musste? Und wie kann Theater dazu beitragen, Vorurteile aufzubrechen und neue Perspektiven zu eröffnen? Mit diesen Fragen hat sich der Theaterprojektkurs des Goethe-Gymnasiums Düsseldorf aus Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Beim Schultheater der Länder 2026 präsentierten die Schüler*innen der Q2 ihre Eigenproduktion „Fluchtwege“. Im Gespräch mit der Gruppe wurde deutlich, wie intensiv sie sich mit dem Thema und der Verantwortung auseinandergesetzt hat, die mit der Darstellung fremder Lebensgeschichten einhergeht.
Flucht ist ein Thema, das die Schüler*innen schon seit Jahren beschäftigt und ihnen immer wieder in der Gesellschaft begegnet. Auch wenn niemand aus der Gruppe selbst eine Flucht erlebt hat, wollten sie sich bewusst mit den Erfahrungen geflüchteter Menschen auseinandersetzen. „Uns war irgendwie wichtig, das Thema aufzugreifen, selbst wenn wir selber keine Flucht erlebt haben“, erklärt eine Schülerin im Gespräch. Besonders die Stigmatisierung geflüchteter Menschen war für die Gruppe ein Anlass, sich künstlerisch mit dem Thema zu beschäftigen. Sie wollten die Schubladen, in die Menschen und ihre Fluchterfahrungen häufig gesteckt werden, aufbrechen und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen.
Dafür entschieden sich die Schüler*innen, nicht eine einzige Fluchtgeschichte zu erzählen, sondern verschiedene persönliche Erfahrungen auf die Bühne zu bringen. Die Grundlage dafür bildeten Bücher und autobiografische Berichte von Menschen, die ihre Flucht selbst erlebt und ihre Erfahrungen aufgeschrieben haben. Eine der Geschichten hat sogar einen direkten Bezug zur Theatergruppe: Die Mutter einer Schülerin war gemeinsam mit ihren Eltern aus der DDR geflüchtet. Ihre Geschichte wurde von der Schülerin selbst für das Stück aufgeschrieben. Im Laufe der Stückentwicklung sammelte die Gruppe zahlreiche weitere Geschichten und entwickelte daraus Szenen. Nicht alle konnten schließlich in die Aufführung aufgenommen werden, da das Stück sonst zu lang geworden wäre.
Doch wie erzählt man die Geschichten anderer Menschen, ohne sich ihre Erfahrungen anzueignen? Genau diese Frage beschäftigte die Schüler*innen während der Stückentwicklung besonders intensiv. „Keiner von uns Darsteller*innen ist persönlich geflüchtet und wir wollten uns die Geschichten eben auch nicht aneignen“, erklärt eine Schülerin. Die Gruppe entschied sich deshalb bewusst dagegen, die Fluchterfahrungen möglichst realistisch nachzuspielen. Stattdessen sollten die Erzählungen der Betroffenen selbst im Mittelpunkt stehen. „Wir haben es versucht, ein wenig neutraler zu halten und dann die Geschichten reden zu lassen“, beschreibt die Schülerin den künstlerischen Ansatz.
Eine wichtige Rolle spielen dabei bewusste Brüche innerhalb der Inszenierung. So machen die Darsteller*innen beispielsweise zu Beginn des Stücks deutlich, dass sie selbst keine Flucht erlebt haben. Dadurch entsteht eine Distanz zwischen den Spielenden und den dargestellten Erfahrungen, ohne dass die Geschichten an Bedeutung verlieren. Die Schüler*innen schlüpfen also nicht einfach in die Rolle geflüchteter Menschen, sondern machen ihre eigene Position als Erzählende sichtbar und lenken die Aufmerksamkeit auf die Worte derjenigen, deren Erfahrungen sie auf die Bühne bringen.
Im Gespräch mit der Gruppe wurde deutlich, dass gerade diese bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Perspektive ein wichtiger Teil der Stückentwicklung war. Für andere Theatergruppen, die sich mit gesellschaftlich relevanten und sensiblen Themen beschäftigen möchten, gibt der Theaterprojektkurs damit einen spannenden Impuls: Es muss nicht immer darum gehen, fremde Erfahrungen möglichst authentisch nachzuspielen. Manchmal kann es wirkungsvoller sein, den Menschen hinter den Geschichten Raum zu geben, ihre Worte wirken zu lassen und die eigene Rolle als Darstellende bewusst zu hinterfragen.
„Fluchtwege“ zeigt, wie Theater unterschiedliche Lebensgeschichten sichtbar machen und gleichzeitig die Frage stellen kann, wer diese Geschichten eigentlich erzählt. Vielleicht beginnt genau dort eine besonders wichtige Form der Auseinandersetzung: nicht nur darin, anderen Menschen eine Stimme zu geben, sondern vor allem darin, ihren Stimmen auch zuzuhören.