Wir sehen Papierbögen über der Bühne schweben, ihr Weiß hebt sich von dem schwarzen Bühnenraum ab. Eine Spielerin tritt auf und schaut in die Ferne, erzählt uns von dem Horizont und einem kleinen unsichtbaren Boot in der Ferne. Es treten weitere Spielerinnen zu ihr, ihre helle Kleidung schimmern im Licht. Der Chor holt uns weiter in seinen hoffnungsvollen Blick auf den Horizont hinein, in seinen Blick auf „sein kleines weißes Boot“.
Das Boot wird später aus dem weißen Papier in der Luft gefaltet werden; es wird zu einem Objekt, das die Geschichten transportiert, die wir hören werden, es wird Trost spenden.
Die Geschichten, die die Spielerinnen uns erzählen, sind nicht ihre eigenen sondern die von jungen Menschen, die sich auf die Flucht begeben mussten. Diese wichtige Distanzierung setzen die Spielerinnen sehr bewusst und klar; sie wird im Stück aufrechterhalten, wenn die Fluchtbiografien von jungen Menschen aus unter anderem Syrien und der DDR über Projektionen auf den schwarzen Hintergrund geworfen werden und so deutlich wird, woher die Geschichten kommen und zu wem sie gehören.
Die Distanz wird auch gewahrt, wenn die Spielerinnen immer wieder gegenüberstellen, wie spielerisch sie und andere Menschen, deren Leben nicht durch eine Fluchterfahrung durchkreuzt wird, mit dem Packen eines Koffers oder dem Gebrauch der Wortpaare Flucht/fliehen umgehen können. Während das Packen eines Koffers im Zuge einer Flucht ein hektischer, aufgeregter, schwerer und vom Verlust geprägter Moment wird. Ebenso wie der Aussage „ich fliehe vor etwas“ keine Banalität mehr innewohnen kann, sondern der Satz mit seinen Konsequenzen für das eigene Leben gemeint ist.
Die Spielerinnen sprechen in dem Ich der Fluchtbiografie: „Ich lasse zurück: Meine Kindheit, meine Zukunft“ und falten Papierbögen zusammen, sodass sie in ihren Hosentaschen Platz finden.
Sichtbares und unsichtbares Gepäck, Aufbruch und Ankommen, Dokumentation und Zeugnis werden als Themen in dem Requisit des Papierbogens transportiert.
Dieses leichte Bühnenschild übersetzt sich in einen zarten Umgang der Gruppe mit dem Thema, welcher bedacht und vorsichtig tastend die Erfahrung von Flucht (samt dem respektvollen Abstand der zu dem Nicht-Selbst-Erlebten eingenommen wird) in seiner Bedeutung für die Biografie von jungen Menschen verstehen möchte.
Dafür findet die Spielgruppe Momente der Hektik, der Stille, der Vereinzelung und des Gemeinsamen. Die Bewegungsbiografien tragen die Atmosphäre des Stückes und finden einen Ausdruck für die Gedanken der Spielgruppe, ihre Fragen und ihr Interesse.
Am Ende des Stückes sehen wir die Spielerinnen isoliert auf der Bühne zu treibender Musik tanzen; das Selbstvergessen im Gewirr einer Tanzfläche lässt sich in den Tänzerinnen erkennen. Für die Spielerin am Mikro ist dieses Selbstvergessen nicht möglich, auch wenn sie es sich wünscht. Sie spricht über die elektronischen Klänge von einem Fiebertraum, durchzogen von Erinnerungen, die nicht erwünscht sind, sich aber dennoch nach vorne drängen und die Gegenwart der Figur durchschneiden.
Und im Publikum sehen wir deutlich das schwere Gepäck, das sich so gerne als leichte Papierfaltung ausgeben möchte.
Danke für diese bewegende Inszenierung.
Cindy Reinhardt