„How am I gonna be an optimist about this?“ Diese Liedzeile von Bastille steht auf den beiden Projektionsflächen rechts und links von der Bühne des hr-Sendesaals. Dazwischen nehmen 19 Schülerinnen und Schüler der Theaterklasse 10.3 der Gesamtschule Bremen Ost mit immer wieder wechselnden Formationen die große Fläche der Bühne ganz für sich ein. Die Gruppe spricht und tanzt über ihre Wünsche in einer Traumwelt der unbegrenzten Möglichkeiten, über ihre Ziele in dieser Welt und die Hindernisse, die sie davon abhalten. Und wir, das Publikum, sind mittendrin im „Spiel des Lebens“.
Vor der Aufführung haben alle Zuschauenden beim Betreten des Saals eine Bingokarte erhalten, mit der Aufforderung, in die vier Spalten die eigenen Wünsche und Ziele, die Hindernisse wie auch die Möglichkeiten, diese zu überwinden, aufzuschreiben. Über das Stück hinweg präsentieren die Schülerinnen und Schüler choreografisch und durch direkte Ansprache an das Publikum ihre eigenen Antworten auf diese Fragen. Die Zuschauenden, die ihre Antworten auf der Bühne inszeniert wiederfinden, sollen „Bingo“ rufen. Als Belohnung für ein Bingo gibt es Applaus von den Spielerinnen und Spielern und eine Süßigkeit. Ein Ansporn vor allem für das jüngere Publikum, möglichst genau das Bühnengeschehen zu verfolgen, aber auch möglichst oft „Bingo“ zu rufen, wodurch die Emotionalität im Saal wächst.
Man ist hin- und hergeworfen zwischen den eigenen Wünschen und Zielen und den dynamischen und eindrucksvollen Bildern, die die Gruppe auf der Bühne entstehen lässt, wie z. B. dem Doppelkreis: Die in Weiß gekleideten Schüler*innen bilden einen Innenkreis, die in Schwarz gekleideten einen Außenkreis. Beide Kreise bewegen sich in unterschiedlicher Richtung, sodass die Assoziation eines Roulette-Rades entsteht. Dazu ist „Alles auf Rot“ von Capo zu hören. Ein Bild, das den Wunsch nach Geld, materiellem Reichtum und Erfolg verstärkt, aber auch Raum gibt für den Wunsch nach Familie und Gesundheit. Diese konkreten Assoziationsangebote bleiben jedoch eher die Ausnahme. Die z. T. chorischen Bewegungen und Choreografien sind vorwiegend abstrakt gestaltet und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die persönlichen Geschichten der Performerinnen und Performer: Berichte von Erfahrungen, die sie an der Umsetzung ihrer Ziele hindern. Dabei geht es um Diskriminierung, Rassismus, Sexismus, Armut und Unterdrückung, womit die Jugendlichen in ihrem Alltag zu kämpfen haben. Diese realen und nahen Probleme berühren. Doch dabei bleibt die Inszenierung nicht stehen. Als die vierte und letzte Spalte der Bingokarte drankommt, erzählen die Schülerinnen und Schüler von eigenen Erfolgen, von gelungenen Geschichten und erzeugen damit eine mutmachende, optimistische Stimmung, die sich auch sofort auf das Publikum überträgt.
Die Stärke der Aufführung liegt nicht nur in dem ungewohnten interaktiven Setting, das durch das Bingospiel zwischen Bühne und Publikum hergestellt wird, sondern vor allem in der Begeisterung der Spielerinnen und Spieler. Sie machen das Stück zu 30 Minuten, an die wir uns noch lange erinnern werden.
Autorin: Johanna Kaupp – Max-Beckmann-Schule