Für mehrere Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet wurden, wird eine Kerze angezündet. Mit diesem stillen, bedeutenden Moment endet „Stolperstühle“, ein Theaterstück des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums Gießen aus Hessen, das beim SDL in Frankfurt zu sehen ist. Das Stück erinnert an Opfer des Nationalsozialismus und lässt Menschen zu Wort kommen, die auch heute Ausgrenzung erleben. Schon der erste Eindruck ist ernst: Es geht nicht unbedingt um Unterhaltung, sondern um Erinnerung. Daher bleibt mir persönlich der Satz hängen, dass wir Verantwortung tragen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.
Die Stimmung ist trüb und verantwortungsvoll. Alle Spielerinnen und Spieler tragen Schwarz. Dadurch wirkt die Gruppe geschlossen und nichts lenkt von den Geschichten ab. Man merkt schnell, dass es hier um etwas Wichtiges geht. Die Aufführung ist dynamisch und beschäftigt einen langfristig, vor allem durch die persönlichen Erzählungen, die später folgen.
Ein wichtiger Teil des Stückes ist die Erinnerung an einzelne Menschen. Es wird an Stolpersteine erinnert und die Lebensgeschichten der Ermordeten werden angerissen. Für mehrere von ihnen brennt eine Kerze. Dadurch rücken die Opfer in den Mittelpunkt und werden nicht zu einer anonymen Zahl. Auf mich wirkte das würdevoll und ernst.
Auch die Stühle, die schon im Titel stecken, erinnern an die Stolpersteine. Sie werden immer wieder durch den Raum getragen, sodass das Thema Erinnerung sichtbar bleibt. Gemeinsam getanzte Tänze, die oftmals mit den Stühlen gemacht werden, verbinden die Szenen und geben einem Zeit zum Nachdenken!
Danach geht es um Behinderungen im Alltag und Inklusion. Ein Mädchen, das anders geht, und ein kleinwüchsiges Mädchen erzählen von ihrem Alltag und ihren Problemen. Dabei beschäftigen sie oft Blicke und Ausgrenzung. Auf mich und das Publikum wirkte dies sehr selbstbewusst, weil sie selbst die Sachen aussprechen, über die viele nicht reden. Auch Videos mit Menschen, die eine Behinderung haben, geben Betroffenen eine Stimme. Die kritisierten Zitate aus der Politik zeigen, dass das Thema nicht abgeschlossen ist, und verbinden den aktuellen Rechtsruck mit dem Thema Behinderung und Inklusion.
Eine Stärke der Aufführung ist, dass sie Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Besonders im Gedächtnis bleibt mir der Gedanke, dass wir Verantwortung tragen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Ich nehme mit, dass Erinnern nicht reicht, sondern dass wir auch heute genau hinschauen müssen!
Wer „Stolperstühle“ gesehen hat, geht mit der Frage nach Hause, was er selbst dafür tun kann, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
Autor: Robert Gaschik - Carl-Schurz-Schule